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Estelí, Jalapa und Condega (Nicaragua)
Mitte der 1960er-Jahre kannte kaum ein Zigarrenraucher Nicaragua als Tabakland – heute gehört es zu den wichtigsten Herkunftsländern handgerollter Zigarren. Im Hochland der Segovias trafen kubanisches Saatgut und das Können von Exilanten auf Böden vulkanischen Ursprungs, und in drei Tälern wachsen seither Tabake mit eigenem Temperament: kraftvoll in Estelí, ausgewogen in Condega, weich und süß in Jalapa. Diese Seite erzählt den Aufstieg, porträtiert die Täler und die Vulkaninsel Ometepe und folgt dem Blatt vom Feld bis in die Manufakturen von Estelí.
| Lage | Nördliches Hochland (Las Segovias) mit den Departamentos Estelí, Nueva Segovia und Madriz; dazu die Vulkaninsel Ometepe im Nicaraguasee |
|---|---|
| Kerngebiete | Tal von Estelí, Tal von Condega am Río Estelí, Jalapa-Tal an der Grenze zu Honduras; dazu weitere, kleinere Lagen im Umland |
| Höhe und Klima | Talböden etwa 550–850 m; Regenzeit etwa Mai bis Oktober; Estelí und Condega trocken (um 800–900 mm Jahresniederschlag), Jalapa feuchter (um 1.400 mm) |
| Böden | Vulkanischen Ursprungs: im Hochland aus alten Laven und Tuffen verwittert, auf Ometepe junge Vulkanasche |
| Anbau | Überwiegend Sonnentabak aus kubanischer Saat; Deckblätter unter Tuch oder in der Sonne; Hauptsaison in der Trockenzeit mit Bewässerung |
| Zentrum | Estelí, der „Diamant der Segovias“: Fermentationslager, Sortierbetriebe und zahlreiche Manufakturen |
| Aromaprofil | Pfeffer, Erde, Leder, Kakao, Kaffee und dunkle Süße – kräftig in Estelí, ausgewogen in Condega, süß und fein in Jalapa |
Vom Exil zur Zigarrennation: der Aufstieg Nicaraguas
Für den Weltmarkt der Zigarre wurden Nicaraguas Täler erst nach der kubanischen Revolution entdeckt. Als die neue Regierung nach 1959 die Tabakwirtschaft der Insel verstaatlichte, verließen viele Pflanzer- und Fabrikantenfamilien Kuba; einige fanden im Norden Nicaraguas Land, das dem heimischen nahekam. In den 1960er-Jahren begannen Exilanten im Tal von Estelí mit Saatgut von der Insel Zigarrentabak anzubauen, 1968 entstand dort mit Joya de Nicaragua die erste Zigarrenmarke des Landes. José Orlando Padrón, der 1964 in Miami eine kleine Fabrik gegründet hatte, verarbeitete ab 1967 Tabak aus Nicaragua und eröffnete 1970 eine Fabrik in Estelí.
Dann kam der Bruch. 1978 und 1979 war Estelí Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen der Nationalgarde des Somoza-Regimes und den Sandinisten, große Teile der Stadt lagen danach in Trümmern. Nach dem Sieg der Revolution verloren viele Pflanzer ihre Höfe oder gingen ins Ausland, Betriebe kamen unter staatliche Kontrolle. In den 1980er-Jahren herrschte im Norden Krieg zwischen Regierung und Contras, und 1985 verhängten die USA ein Handelsembargo, das den wichtigsten Absatzmarkt verschloss. Viele Tabakfamilien wichen ins benachbarte Honduras aus, vor allem in die Gegend von Danlí.
Der Neuanfang kam 1990 mit dem Ende des Krieges und der Aufhebung des Embargos, und er fiel in eine günstige Zeit: Mitte der 1990er-Jahre erlebten die USA einen Zigarrenboom, in dem die Nachfrage nach handgerollten Zigarren das Angebot weit überstieg. Pflanzerfamilien wie Plasencia und Oliva kehrten zurück, Perdomo eröffnete in den Boomjahren eine Fabrik in Estelí, und bei Joya de Nicaragua holte 1994 ein neuer Eigentümer die alten Roller und Mischmeister zurück. Der Boom ebbte ab, die Täler blieben. Im neuen Jahrtausend kamen weitere Meister aus Kuba, unter ihnen José „Pepín“ García, dessen Familie 2009 in Estelí eine eigene Manufaktur bezog; aus ihr stammten 2012 und 2015 die „Zigarre des Jahres“ der US-Fachzeitschrift Cigar Aficionado. In der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre zog Nicaragua nach den US-Einfuhrstatistiken an der Dominikanischen Republik vorbei und wurde zum wichtigsten Herkunftsland handgefertigter Zigarren für den amerikanischen Markt.
Das Hochland der Segovias: Landschaft, Böden, Klima
Die drei Täler liegen im Norden, in der Bergregion, die man in Nicaragua Las Segovias nennt: Kiefern- und Eichenwälder, Tafelberge und breite Täler bis an die Grenze zu Honduras. Estelí liegt rund 150 Kilometer nördlich von Managua an der Panamericana, auf 844 Metern Höhe; ringsum steigen Mesetas und Bergrücken auf mehr als 1.500 Meter an. Der Río Estelí fließt durch das Tal nach Norden, an Condega vorbei, und mündet schließlich in den Río Coco, der zur Karibik entwässert.
Geologisch ist das Hochland alt. Seine Gesteine sind überwiegend vulkanischen Ursprungs, stammen aber aus dem Tertiär: Basalte, Andesite, Ignimbrite und Tuffe, über Jahrmillionen verwittert und in den Talsohlen von Schwemm- und Hangschutt überlagert. „Vulkanboden“ bedeutet im Norden Nicaraguas also nicht frische Asche wie an den jungen Vulkanen nahe der Pazifikküste, sondern das Verwitterungsprodukt alter Laven und Tuffe. Pflanzer und Mischmeister führen die Würze ihrer Tabake gern auf diese Böden zurück. Beweisen lässt sich das im Einzelnen kaum; die Unterschiede zwischen den Tälern aber schmeckt ein geübter Raucher.
Das Klima folgt dem Rhythmus der Tropen: Die Regenzeit reicht etwa von Mai bis Oktober, von Dezember bis April fällt kaum Regen. Im Tal von Estelí bleibt es dank der Höhe mild – das Gemeindeprofil nennt ein Jahresmittel von 21,5 Grad –, und in den trockenen Monaten können die Nächte empfindlich kühl werden. Zugleich ist das Tal ausgesprochen trocken: Rund 825 Millimetern Niederschlag im Jahr steht eine weit höhere Verdunstung gegenüber, und Condega liegt mit etwa 800 bis 900 Millimetern ähnlich. Ohne Bewässerung ginge hier wenig. Jalapa erhält dagegen rund 1.400 Millimeter, und auch außerhalb der Regenzeit fällt dort häufiger etwas Regen – für viele Pflanzer ein Schlüssel zum anderen Charakter seiner Blätter.
Estelí: Kraft aus dunkler Erde
Das Tal rund um die Stadt ist das bekannteste der drei und das Herz der Branche. Hier liegen viele Fincas der großen Häuser, hier wird der Tabak sortiert, fermentiert und gelagert, und hier stehen die meisten Manufakturen. Die Böden sind dunkel, die Sonne scheint in der Trockenzeit fast ungebrochen, und die Pflanzen wachsen meist in vollem Licht. Der Tabak dieses Tals gilt unter Kennern als der kräftigste des Landes: dicke, ölige Blätter mit viel Körper, deutlicher Pfeffernote und erdigen Aromen, die an Espresso, dunkles Holz und Leder erinnern können.
In Mischungen übernimmt Estelí-Tabak deshalb oft die Rolle des Motors. Vor allem die oberen Blätter, der Ligero, geben einer Zigarre Stärke, Tiefe und einen langen Nachhall; weil sie langsam brennen, liegen sie im Wickel in der Mitte. Dieses Blatt verlangt allerdings Geduld. Ligero braucht die längste Fermentation, und der aus Estelí gilt als besonders langsam; jung verarbeitet kann er kantig und scharf wirken, nach Jahren im Lager zeigt er unter dem Pfeffer eine dunkle Süße.
Condega: das mittlere Register
Rund 35 Kilometer weiter nördlich liegt Condega, eine Kleinstadt am Río Estelí, die sich „Tierra de Alfareros“ nennt, Land der Töpfer. Das Tabakland ist eine gut drainierte Schwemmebene zwischen etwa 550 und 800 Metern, eingerahmt von steilen Bergen, die bis knapp 1.500 Meter aufragen. Das Tal liegt tiefer als Estelí, ist warm und ebenso trocken.
Im Charakter steht Condega zwischen den Nachbarn. Seine Blätter haben mehr Würze als die aus Jalapa, aber weniger Wucht als die aus Estelí, und Mischmeister setzen sie gern als Bindeglied ein, das einer Einlage Rundung gibt. In Verkostungsnotizen tauchen Holz und Kakao auf, eine milde Süße und ein Pfeffer, der eher wärmt als sticht. Wie eng der Ort mit dem Tabak verbunden ist, zeigt seine jüngere Geschichte: Schon zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren gaben Tabakbetriebe hier vielen Menschen Arbeit, und als Hurrikan Mitch 1998 die Region verwüstete und unter anderem eine Fabrik für Möbel und Zigarrenkisten zerstörte, setzte die Gemeinde ihre Hoffnung nicht zuletzt auf die Wiederbelebung von Tabakanbau und -verarbeitung.
Jalapa: Süße und Feinheit an der Grenze
Ganz im Norden, rund 300 Kilometer von Managua entfernt, öffnet sich im Departamento Nueva Segovia das Tal von Jalapa. Die Stadt liegt auf rund 680 Metern; ringsum rahmen die Berge der Cordillera de Dipilto y Jalapa das Tal ein, steigen bis etwa 1.500 Meter an und bilden die Grenze zu Honduras. An ihren Hängen wachsen Kiefern und Kaffee, auf den fruchtbaren Talböden Mais, Bohnen und Tabak.
Tabak aus Jalapa gilt als weicher, süßer und aromatischer als der aus Estelí, mit feiner Textur und oft einer cremigen, bisweilen blumigen oder an Honig erinnernden Note. Das Tal ist vor allem für seine Deckblätter bekannt. Hier fand José Orlando Padrón Ende der 1960er-Jahre den Tabak, den er fortan für seine Zigarren verwendete. Heute zieht man im Tal Deckblätter aus kubanischer Saat, darunter die alte Sorte Criollo, die lange vor allem als Einlagetabak diente und in Jalapa auch unter Tuch als Deckblatt wächst.
Ometepe: Inselterroir zwischen zwei Vulkanen
Ein ganz anderes Terroir liegt weit im Süden, im Nicaraguasee. Ometepe, die größte Insel des Sees, besteht aus zwei Vulkanen, die ein flacher Isthmus zur Form einer Acht verbindet: dem aktiven Concepción mit gut 1.600 Metern und dem erloschenen, dicht bewaldeten Maderas mit knapp 1.400 Metern. Der Name stammt aus dem Nahuatl und bedeutet „zwei Berge“. Anders als im Hochland ist der Boden hier jung, aufgebaut aus Asche und Auswurf der Vulkane, und er gilt als ausgesprochen fruchtbar. Angebaut werden vor allem Kochbananen, daneben Sesam, Wassermelonen und Tabak; am Maderas wächst auch Kaffee.
Das Klima ist das des Tieflands: Die Inselorte liegen nahe am Seespiegel, das Jahresmittel der Temperatur liegt um 27 Grad, und mit 1.400 bis 1.600 Millimetern fällt fast doppelt so viel Regen wie im Tal von Estelí. Tabak bleibt auf der Insel eine Nebenkultur, und auch in Mischungen ist Ometepe-Tabak meist eine Zutat der Einlage, selten die Hauptsache; beschrieben wird er häufig als süßlich und erdig, mit einer Würze, die sich von den Tabaken des Nordens deutlich abhebt.
Sonnenanbau und Schattenanbau
Der größte Teil des nicaraguanischen Tabaks wächst in der Sonne. Die Hauptsaison beginnt in der Regel mit Saatbeeten gegen Ende der Regenzeit; ausgepflanzt wird, wenn die Niederschläge abklingen, geerntet in den trockenen Monaten bis ins Frühjahr. Das Wasser kommt dann aus Brunnen und Bewässerungsanlagen; so bestimmt der Pflanzer selbst, wie viel die Pflanze bekommt. In voller Sonne bilden die Blätter mehr Öl und Substanz; aus ihnen entstehen Einlage und Umblatt. Geerntet wird in mehreren Durchgängen, beginnend mit den untersten Blättern: unten der milde, gut brennende Volado, in der Mitte der aromatische Seco, oben der kräftige Ligero. Wie die Pflanze aufgebaut ist, erklärt die Seite Die Tabakpflanze.
Deckblätter wachsen dagegen oft unter Tuch. Feines Gewebe, über das ganze Feld gespannt, bricht das grelle Licht und hält Wind und Verdunstung zurück; darunter entstehen dünne, geschmeidige Blätter mit feinen Adern und ruhiger Farbe. Pflanzer sehen im feuchteren Klima Jalapas einen Vorteil für diese aufwendige Kultur. Daneben gibt es sonnengewachsene Deckblätter, derber in der Struktur und kräftiger im Geschmack; Padrón etwa fertigt seine klassischen Linien ganz aus nicaraguanischem Tabak, mit Deckblättern aus Sonnenanbau.
Beim Saatgut dominiert die kubanische Herkunft: Ein Großteil der Zigarrentabake geht auf Linien wie Criollo und Corojo und ihre widerstandsfähigeren Nachfolger zurück, etwa Criollo 98; für helle Deckblätter wird auch Connecticut-Saat angebaut. Viele Manufakturen kombinieren nicaraguanische Einlagen mit Deckblättern aus Ecuador, den USA, Mexiko oder Brasilien; stammen alle drei Blattarten aus dem Land, spricht man von einem Puro (siehe Glossar). Wie Saatlinie und Herkunft zusammenhängen, zeigt die Seite Tabaksorten.
Trocknung, Fermentation und Reife
Nach der Ernte werden die Blätter paarweise aufgefädelt und an Stangen in hohen, luftigen Trockenscheunen aufgehängt. Über Wochen verlieren sie ihr Wasser, das Grün verblasst zu Gelb und schließlich zu Braun.
Dann beginnt die eigentliche Verwandlung. In den Lagerhallen werden die Blätter angefeuchtet und zu großen Stapeln geschichtet, den Pilones. Im Inneren setzt eine natürliche Gärung ein, die Wärme erzeugt; lange Thermometer zeigen, wie heiß der Kern wird. Bevor die Temperatur zu hoch steigt, wird der Pilón umgesetzt – was außen lag, kommt nach innen, was oben lag, nach unten –, und das Spiel beginnt von vorn. Dabei entweicht Ammoniak, Schärfe und Bitterkeit gehen zurück, die Aromen runden sich. Volado und Seco sind vergleichsweise früh fertig, Ligero braucht viele Runden über Monate. Die Chemie dahinter erklärt die Seite Verarbeitung.
Anschließend wird sortiert, entrippt und in Ballen verpackt, in denen der Tabak weiter ruht, oft über Jahre. Diese Vorräte sind das eigentliche Kapital eines Hauses. Padrón etwa lässt den Tabak seiner Standardlinie rund zweieinhalb Jahre reifen, für die Serie 1926 mindestens fünf und für die Family Reserve mindestens zehn Jahre; schon 2003 lagerte das Unternehmen Tabak für etwa sechs Jahre Produktion.
Manufakturkultur in Estelí
Estelí, im Land „Diamant der Segovias“ genannt, ist eine lebhafte Stadt voller Wandbilder – und das Zentrum der nicaraguanischen Zigarre. Hinter unscheinbaren Mauern liegen Lagerhallen, Sortiersäle und Rollsäle, vom großen Komplex mit Hunderten Beschäftigten bis zur Werkstatt mit einer Handvoll Tischen. Um die Jahrtausendwende verzeichnete das Gemeindeprofil acht mittelgroße Zigarrenfabriken mit gut 2.200 Beschäftigten; seither ist die Branche kräftig gewachsen. Rund um die Manufakturen arbeiten Kistenmacher und andere Zulieferer.
Gearbeitet wird oft anders als auf Kuba, wo ein Torcedor jede Zigarre allein fertigt. In Nicaragua teilen sich häufig zwei die Arbeit: Der Bonchero bündelt Einlage und Umblatt zum Wickel, eine zweite Hand – oft die einer Rolera – setzt das Deckblatt auf. Der Weg vom Tabakvorrat zur Kiste sieht in vielen Häusern so aus:
- Mischen: Der Mischmeister stellt die Liga aus Blättern verschiedener Täler, Etagen und Jahrgänge zusammen.
- Wickeln: Der Bonchero ordnet die Einlageblätter – entubado, jedes Blatt zu einem Röhrchen gerollt, oder gefaltet wie die Seiten eines Buches – und schlägt sie ins Umblatt ein.
- Pressen: Gestapelt in der Presse, geben hölzerne Moldes den Wickeln eine gleichmäßige Form.
- Decken: Das Deckblatt wird mit der Chaveta zugeschnitten, spiralförmig aufgerollt und am Kopf geschlossen.
- Prüfen: Kontrolleure messen Länge und Ringmaß, prüfen Gewicht und Zug und sortieren Fehlerhaftes aus.
- Ruhen und packen: In Reiferäumen, oft zwischen Zedernholz, ruhen die Zigarren Wochen bis Monate; dann werden sie nach Farbtönen sortiert, beringt und in Kisten gelegt.
Wie sehr der Tabak die Stadt prägt, zeigt auch das Festival Puro Sabor, das seit Anfang der 2010er-Jahre Liebhaber aus aller Welt zu Feldern, Fermentationshallen und Rollsälen führt. Welche Mengen man von einer solchen Reise mitbringen darf, erläutert die Seite Reisen mit Tabak.
Wie Nicaragua schmeckt
Das Grundmuster nicaraguanischer Tabake beschreiben Verkoster mit wiederkehrenden Begriffen: Pfeffer, schwarz wie rot, dazu Erde, Leder, Kakao, Kaffee und eine dunkle, fast karamellige Süße. Typisch ist die Verbindung von Kraft und Süße – eine gut gereifte Zigarre aus Nicaragua kann voll und würzig sein, ohne hart zu wirken. Den Pfeffer spürt man besonders deutlich, wenn man etwas Rauch langsam durch die Nase ausatmet.
Die Täler setzen darin eigene Akzente, und Mischmeister denken deshalb in zwei Koordinaten zugleich, in der Blattetage und im Tal: Ein Ligero aus Estelí gibt einer Mischung Rückgrat, ein Seco aus Jalapa Süße und Duft, ein Blatt aus Condega verbindet beides. Stärke ist dabei nicht dasselbe wie Geschmack. Mit hellen Deckblättern aus Connecticut-Saat und wenig Ligero entstehen auch in Nicaragua milde, cremige Zigarren. Welche Getränke zu den kräftigen Vertretern passen, zeigt die Seite Tabak und Getränke.
Praxistipp: Kräftige Zigarren aus Nicaragua belohnen Geduld. Hat man mehrere Exemplare derselben Sorte, raucht man eines bald und legt die übrigen in den Humidor; im Abstand von einigen Monaten probiert man erneut und notiert, wie sich Pfeffer, Süße und Nachhall verschieben. Häufig tritt die Süße mit der Zeit hervor, während die Schärfe zurückgeht. Das passende Klima dafür beschreibt die Seite Humidor einrichten.
Die Täler im Vergleich
Die Aromaangaben geben verbreitete Beschreibungen wieder; Jahrgang, Saatlinie und Verarbeitung entscheiden mit.
| Lage | Geografie und Höhe | Boden und Klima | Charakter | Typische Rolle |
|---|---|---|---|---|
| Estelí | Tal um die Stadt Estelí; Stadt auf 844 m | dunkle Böden aus verwittertem Vulkangestein und Schwemmmaterial; mild und trocken, um 825 mm Regen | kräftig, pfeffrig, erdig, viel Körper | Ligero und Seco für die Einlage, auch Deckblätter |
| Condega | rund 35 km nördlich am Río Estelí; Schwemmebene 550–800 m | gut drainierte Schwemmböden; warm und trocken, 800–900 mm | mittelkräftig, ausgewogen; Holz, Kakao, milde Süße | Bindeglied in der Einlage |
| Jalapa | Nueva Segovia, an der Grenze zu Honduras; Stadt auf rund 680 m, Berge bis 1.500 m | fruchtbare Talböden; feuchter, um 1.400 mm | weich, süß, aromatisch, feine Textur | Deckblätter; Seco für Süße und Duft |
| Ometepe | Vulkaninsel im Nicaraguasee; Felder nahe dem Seespiegel und an den Vulkanhängen | junge Böden aus Vulkanasche; heiß, um 27 °C im Jahresmittel, 1.400–1.600 mm | süßlich-erdig, eigenständige Würze | kleine Mengen als Würze in der Einlage |
Viele Zigarren aus Nicaragua verbinden mehrere dieser Lagen, und gerade darin liegt der Reiz: Ein Land, das vor sechzig Jahren auf dem Weltmarkt der Zigarre keine Rolle spielte, verfügt heute über eine Palette, aus der sich vom milden Vormittagsformat bis zur wuchtigen Abendzigarre fast alles mischen lässt. Wie die kubanischen Vorbilder schmecken, deren Saat hier Wurzeln geschlagen hat, zeigt die Schwesterseite kubanische-zigarren.org.
Quellen
- INIFOM (Instituto Nicaragüense de Fomento Municipal): Ficha Municipal Estelí – Geologie, Klima, Landnutzung und Tabakwirtschaft der Gemeinde (PDF, archivierte Fassung) – https://web.archive.org/web/20130612081742/http://www.inifom.gob.ni:80/municipios/documentos/ESTELI/esteli.pdf
- INIFOM: Ficha Municipal Jalapa – Tal, Höhenlage, Niederschlag und Landnutzung (PDF, archivierte Fassung) – https://web.archive.org/web/20160304120912/http://www.inifom.gob.ni/municipios/documentos/NUEVA%20SEGOVIA/jalapa.pdf
- Joya de Nicaragua – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Joya_de_Nicaragua
- Padrón Cigars – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Padr%C3%B3n_Cigars
- Ometepe – Wikipedia (deutsch) – https://de.wikipedia.org/wiki/Ometepe
Häufige Fragen
- Warum gilt Nicaragua als Zigarrennation der Gegenwart?
Weil sich das Land in wenigen Jahrzehnten vom Neuling zu einem der wichtigsten Herkunftsländer handgerollter Zigarren entwickelt hat. Kubanische Exilanten brachten in den 1960er-Jahren Saatgut und Können nach Estelí; nach Revolution, Krieg und US-Embargo begann in den 1990er-Jahren der eigentliche Aufstieg. In der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre überholte Nicaragua nach den US-Einfuhrstatistiken die Dominikanische Republik als wichtigstes Herkunftsland handgefertigter Zigarren für den amerikanischen Markt.
- Worin unterscheiden sich Estelí, Condega und Jalapa?
Estelí liefert auf dunklen Böden den kräftigsten, pfeffrigsten Tabak und gibt vielen Mischungen Rückgrat. Condega, weiter nördlich am selben Fluss, steht mit ausgewogenen, mittelkräftigen Blättern dazwischen. Jalapa an der Grenze zu Honduras ist deutlich feuchter; sein Tabak fällt weicher und süßer aus und ist vor allem für Deckblätter geschätzt.
- Was ist ein nicaraguanischer Puro?
Eine Zigarre, deren Einlage, Umblatt und Deckblatt vollständig aus Nicaragua stammen. Viele Zigarren des Landes kombinieren nicaraguanische Einlagen mit Deckblättern aus Ecuador, den USA, Mexiko oder Brasilien; beim Puro kommt alles aus den eigenen Anbaugebieten, oft aus mehreren Tälern zugleich.
- Welche Rolle spielt die Insel Ometepe?
Eine kleine, aber eigenständige. Auf den jungen, fruchtbaren Vulkanböden der Insel im Nicaraguasee wächst Tabak in geringen Mengen und in heißem Tieflandklima. Manufakturen setzen ihn meist als Würzkomponente in der Einlage ein, wo er eine süßlich-erdige Note beisteuert.
- Sind Zigarren aus Nicaragua immer stark?
Nein. Der Ruf kräftiger, pfeffriger Zigarren geht vor allem auf Mischungen mit viel Ligero aus Estelí zurück. Mit Tabak aus Jalapa, wenig Ligero und hellen Deckblättern entstehen auch in Nicaragua milde und mittelkräftige Zigarren – die Stärke hängt von der Mischung ab, nicht vom Herkunftsland allein.