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Connecticut Valley (USA)

Zwischen Hartford und dem Süden Vermonts entstehen zwei Deckblätter mit internationalem Ruf: der seidig-helle Connecticut Shade, der unter Gaze heranwächst, und der dunkle, süße Broadleaf aus voller Sonne. Das Tal verdankt sie den Sandböden eines Eiszeitsees, schwülen Sommern und fast vier Jahrhunderten Pflanzererfahrung. Diese Seite erzählt die Geschichte des Anbaus, erklärt Zelt, Ernte und Trockenschuppen und zeigt die Rolle beider Tabake für Premiumzigarren – und den Wandel einer Landschaft, die einmal vom Tabak geprägt war.

LageTal des Connecticut River von Portland südlich von Hartford über Windsor, Suffield und Enfield bis ins Pioneer Valley in Massachusetts und an die Südspitze Vermonts
Klima und BodenHeiße, feuchte Sommer, kalte Winter, eine Ernte im Jahr; leichte Sandböden aus den Ablagerungen des eiszeitlichen Lake Hitchcock
TabakeConnecticut Shade (unter Tuch, helles Deckblatt) und Connecticut Broadleaf (Sonnenanbau, Maduro-Deckblatt und Umblatt); früher bedeutend auch Havana Seed
MeilensteineTabak der Siedler ab etwa 1640, Broadleaf seit 1833, Havana Seed ab den 1870er-Jahren, Schattentabak seit 1900 in Poquonock (Windsor)
Ernte und TrocknungShade Blatt für Blatt in sechs bis sieben Durchgängen, Broadleaf als ganze Pflanze; Lufttrocknung in belüfteten Holzschuppen
AnbauflächeIn den 1920er-Jahren über 30.000 Acres (über 12.000 Hektar), heute rund 3.000 Acres, ganz überwiegend Broadleaf
MuseumLuddy/Taylor Connecticut Valley Tobacco Museum im Northwest Park von Windsor

Ein Tabaktal im Norden

Wer im Hochsommer auf der Interstate 91 von Hartford nach Norden fährt, sieht sie noch an vielen Stellen: lange, dunkle Holzschuppen, deren Wandbretter wie Kiemen aufgeklappt sind, daneben Felder mit hohen, breitblättrigen Pflanzen. Früher gehörten auch weiße Zeltlandschaften zum Bild, unter denen der Schattentabak wuchs. Das „Tobacco Valley“ am Connecticut River zieht sich von Portland südlich von Hartford über Windsor, Suffield und Enfield bis ins Pioneer Valley von Massachusetts mit Orten wie Southwick, Hatfield und Whately und läuft an der Südspitze Vermonts aus.

Dass hier, weit nördlich der klassischen Zigarrenländer, zwei der prägenden Deckblatttabake der Zigarrenwelt entstanden sind, überrascht nur auf den ersten Blick: Das Tal verbindet schwüle Sommer mit leichten, gut steuerbaren Böden und einer Anbauerfahrung aus fast vier Jahrhunderten. Seine Spezialitäten sind Gegenpole – Connecticut Shade, ein seidiges, helles Blatt aus dem Schatten der Gaze, und Connecticut Broadleaf, ein dickes Sonnenblatt, das nach langer Fermentation zum dunklen Maduro-Deckblatt wird. Wie sich diese beiden Deckblätter unter den Zigarrentabaken einordnen, zeigt die Übersicht der Tabaksorten.

Vom Siedlertabak zur Zigarre: fast vier Jahrhunderte Geschichte

Als sich 1633 in Windsor die ersten Engländer niederließen, bauten die indigenen Bewohner des Tals längst Tabak an – den kleinblättrigen, scharf schmeckenden Bauerntabak Nicotiana rustica. Die Siedler ersetzten ihn bald durch Nicotiana tabacum, dessen Saat um 1640 aus Virginia und Barbados kam; daraus entstand eine schmalblättrige Landsorte namens „Shoestring“. Schon 1640 schützte das General Court, die Versammlung der Kolonie, den heimischen Anbau: Geraucht werden durfte nur Tabak, der in der Kolonie gewachsen war, es sei denn mit dessen Erlaubnis.

Zur Zigarre fand das Tal um 1800. Der Überlieferung nach hatte Israel Putnam, später General im Unabhängigkeitskrieg, schon 1762 Tausende Zigarren von der britischen Expedition gegen Havanna mitgebracht. Ende des 18. Jahrhunderts rollte man im Tal Zigarren in Heimarbeit, und um 1810 holte man kubanische Roller, um die Qualität zu heben. Eine Werkstatt in Suffield, in der ein Kubaner Frauen anlernte, gilt lokal als erste Zigarrenfabrik der USA; gesichert ist das nicht.

Den eigentlichen Aufschwung brachte 1833 ein Pflanzer aus East Windsor, der Saatgut eines breitblättrigen Tabaks aus Maryland einführte; daraus selektierten die Farmer über Jahrzehnte den Connecticut Broadleaf. Seit den 1830er-Jahren wurde Tabak im großen Stil angebaut, und mit ihm entstanden die typischen Trockenschuppen. In den 1870er-Jahren kam der Havana Seed hinzu. Er trägt Havanna im Namen, doch keine kubanische Saat lässt sich als sein Ursprung nachweisen. Um 1900 lagen in Hartford große Sortierlager, Bridgeport war eine Stadt der Zigarrenfabriken, und Tabak war das wichtigste Agrarprodukt des Tals.

Klima und Böden: Sand vom Grund eines Eiszeitsees

Das Fundament legte die letzte Eiszeit. Beim Rückzug der Gletscher staute sich im Tal der Glazialsee Lake Hitchcock, der bis weit nach Vermont reichte. Schmelzwasser trug Sand, Schluff und feinen Lehm hinein; als der See auslief, blieben ebene Terrassen aus feinsandigen Sedimenten zurück. Darauf entstanden tiefgründige, lockere, rasch abtrocknende Böden – der bekannteste, nach Windsor benannt, gilt inoffiziell als Staatsboden Connecticuts und als bevorzugter Standort für Schattentabak.

Gerade ihre Kargheit macht diese Böden ideal für Deckblätter. Sie erwärmen sich im Frühjahr schnell, lassen Regen zügig versickern und speichern wenig Nährstoffe, sodass der Pflanzer Wasser und Dünger genau dosieren kann und die Pflanze dünne, feine Blätter mit gutem Brand bildet. Die Kehrseite ist Trockenheit: In heißen Wochen geht es kaum ohne Bewässerung. Mehr zum Zusammenspiel von Boden und Blatt steht auf der Seite Die Tabakpflanze.

Das Klima ist kontinental, mit kalten Wintern und schwül-heißen Sommern. Die Saison reicht für genau eine Ernte: Gepflanzt wird nach den letzten Frösten im Mai, geerntet im Hoch- und Spätsommer. Gewitter mit Sturmböen und Hagel können ein Feld in Minuten entwerten, und in nassen Jahren droht der Blauschimmel, eine Pilzkrankheit. Für ein Deckblatt, das makellos sein muss, zählt jedes Loch.

Connecticut Shade: Tabak unter Gaze

Der Schattentabak ist die Antwort auf eine Krise. In den 1880er-Jahren eroberten Deckblätter aus Sumatra den amerikanischen Markt: hell, mild und so dünn, dass ein Pfund davon ein Vielfaches an Zigarren umhüllte, verglichen mit dem Blatt aus Neuengland. Schutzzölle halfen nur begrenzt, also versuchte man, Sumatra nachzuahmen. 1899 gelang es dem Botaniker W. C. Sturgis in Connecticut, Sumatra-Tabak aus Samen zu ziehen und dessen dünnes Blatt nachzubilden.

Um zusätzlich die feuchten, oft bedeckten Wachstumsbedingungen Sumatras zu simulieren, spannte man im Sommer 1900 auf einem Versuchsfeld an der River Street in Poquonock, einem Ortsteil von Windsor, Baumwollgaze über die Pflanzen. Die Aufsicht hatte Marcus Floyd, ein Tabakfachmann des US-Landwirtschaftsministeriums aus Florida, wo man Sumatra-Saat schon im Schatten erprobt hatte. Das Blatt hielt dem Vergleich mit dem Import stand; 1901 standen rund fünfzig Acres unter Tuch, um 1910 war das Verfahren etabliert. Ein reiner Sumatra-Tabak blieb Connecticut Shade dabei nicht: Die staatliche Versuchsstation kreuzte die Sumatra-Saat mit Havana-Seed- und Broadleaf-Linien. 1921 erhielt Windsor eine eigene Tabak-Versuchsstation, deren Land die Pflanzer selbst gekauft hatten – das heutige Valley Laboratory.

Das Zelt selbst ist technisch schlicht: Pfosten im Raster, dazwischen Drähte, darüber und an den Seiten das Tuch – früher Baumwollgaze, heute ein weißes Kunstfasernetz. Es streut das Licht, bremst den Wind, hält Feuchte und Wärme etwas höher als im offenen Feld und Insekten draußen. Jede Pflanze wird an einer Schnur hochgeführt, damit Wind und Regen sie nicht knicken, und wächst zweieinhalb bis drei Meter hoch. Im gedämpften Licht bildet sie große, dünne, elastische Blätter mit feinen Adern und gleichmäßiger Farbe.

Fertig fermentiert zeigt das Blatt ein helles Gold- bis Mittelbraun mit seidigem Schimmer, in Farbklassen wie „Natural“ oder „Claro“. Im Rauch ist es mild und cremig, mit Anklängen an Heu, Zedernholz und helle Nüsse; es rahmt die Einlage, statt sie zu überdecken, und findet sich daher vor allem auf milden bis mittelkräftigen Zigarren. Die Feinheit hat ihren Preis: Zu trocken gelagert, reißt das dünne Blatt leicht – ein gut geführter Humidor zahlt sich hier besonders aus.

Ein Jahr im Schattenfeld

  1. Anzucht: Im Frühjahr keimen die winzigen Samen in Saatbeeten; nach sieben bis acht Wochen werden die kräftigsten Setzlinge ausgewählt.
  2. Zeltbau und Auspflanzen: Erst stehen Pfosten, Drähte und Tuch, dann kommen im Mai die Setzlinge darunter.
  3. Pflege: Die Pflanzen werden hochgebunden, Geiztriebe ausgebrochen; im Hochsommer reichen die Spitzen fast bis an das Tuch.
  4. Ernte: Von unten nach oben werden nur die jeweils reifen Blätter gepflückt, sechs- bis siebenmal pro Saison.
  5. Auffädeln: Im Schuppen werden die Blätter paarweise auf Holzlatten genäht, seit den 1950er-Jahren mit Maschinen.
  6. Trocknen: Sechs bis acht Wochen hängen die Latten im Schuppen, die Blätter wechseln von Grün über Gelb zu Braun.
  7. Abnehmen: An einem feuchten Tag werden die Blätter wieder geschmeidig, dann gebündelt und in Ballen gepackt.
  8. Fermentieren und Sortieren: Rund ein Jahr fermentieren die Blätter, dann werden sie nach Größe, Farbe und Struktur sortiert.

Connecticut Broadleaf: das Sonnenblatt

Der ältere der beiden Tabake ist der robustere. Broadleaf steht in voller Sonne, wächst gedrungen und bildet sehr große, breite, dicke und ölige Blätter mit kräftigen Adern; die Blütenstände bricht man aus, damit die Kraft in die Blätter geht. Weniger elegant als das Schattenblatt, besitzt es eine entscheidende Eigenschaft: Es übersteht eine lange, heiße Fermentation, ohne mürbe zu werden.

Darauf beruht sein Ruf als Maduro-Deckblatt. Nach einer deutlich längeren Fermentation als beim Schattenblatt wird es ohne jeden Farbzusatz tief dunkelbraun bis fast schwarz und entwickelt eine natürliche Süße mit Noten von Kakao, Kaffee und Melasse, dazu eine ledrige, fast mineralische Würze. Begriffe wie Maduro, Oscuro und Claro erklärt das Glossar. Die US-Tabakklassifikation führt Broadleaf amtlich noch als Umblatttabak (Typ 51), den Schattentabak dagegen als Deckblatttabak (Typ 61) – ein Echo der Zeit, als das Tal vor allem Umblätter lieferte. Heute findet sich ausgesuchtes Broadleaf auf Premiumzigarren wie der Añejo-Linie von Arturo Fuente, ein großer Teil der Ernte in maschinell gefertigten Zigarren.

Ernte: Blatt für Blatt oder die ganze Pflanze

Am deutlichsten unterscheiden sich beide Tabake bei der Ernte. Schattentabak wird geprimt: Die Pflücker nehmen bei jedem Durchgang nur die gerade reifen Blätter, zuerst die untersten, für die man sich unter dem Tuch fast am Boden entlangschiebt. Die Blätter wandern behutsam in Körbe oder Kisten, denn jede Druckstelle mindert später den Wert. Nach einer alten Faustregel geht ein Schattenblatt rund zwölfmal durch Menschenhand, bevor es eine Zigarre umhüllt. Das Aufnähen auf die Latten war lange Handarbeit, überwiegend von Frauen.

Broadleaf wird im Spätsommer auf einen Schlag geerntet: Die Arbeiter schlagen die ganze Pflanze mit einem Beil knapp über dem Boden ab, lassen sie kurz auf dem Feld welken, damit die Blätter beim Transport nicht brechen, und spießen die Stängel auf Holzlatten. Das Blatt bleibt während der ganzen Trocknung am Stängel und zieht noch wochenlang Nährstoffe aus ihm, während es seine Feuchte an die Luft abgibt. Pflanzer sagen, erst dadurch bekomme Broadleaf sein typisches Aussehen und seinen Geschmack.

Tabakschuppen, Trocknung und Fermentation

Die Trockenschuppen sind das Wahrzeichen des Tals. In Neuengland heißen sie traditionell „shed“, weil „barn“ eher ein Gebäude für Vieh meint, doch im Alltag ist auch „tobacco barn“ geläufig. Es sind lange, niedrige, fensterlose Holzbauten mit Satteldach, aus gleichen Modulen gefügt: Alle rund viereinhalb Meter folgt ein Gebinde aus Pfosten und Balken, und innen tragen Stangen in mehreren Etagen bis unter den First die Latten mit dem Tabak. Ihr Geheimnis ist die Wand. Bei vielen Schuppen sind senkrechte Wandbretter als Lüftungsklappen oben oder seitlich angeschlagen und lassen sich ausstellen; andere haben Klappen in einer waagrechten Verschalung oder eine Reihe großer Tore an einer Längsseite. So lässt sich die Belüftung weit öffnen oder drosseln, je nachdem, was Wetter und Tabak verlangen.

Die Lufttrocknung dauert sechs bis acht Wochen. Das Blatt verliert den größten Teil seines Wassers, das Grün weicht einem Gelb, dann einem warmen Braun. Trocknet es zu schnell, bleiben grünliche Töne; ist die Luft zu feucht, droht Fäulnis an Stielen und Rippen. Für nasse Perioden stellte man in den Schattentabakschuppen anfangs kleine Holzkohlefeuer unter Blechplatten auf, später Gasbrenner – nicht ohne Risiko, denn manch hölzerner Schuppen brannte samt Ernte ab. Zum Schluss wartet der Pflanzer auf einen feuchten Tag, im Tal „a good damp“ genannt, öffnet die Wände, und die spröden Blätter werden wieder so geschmeidig, dass man sie abnehmen kann.

Danach fermentiert das Blatt in Ballen oder großen Stapeln, erwärmt sich von selbst und wird immer wieder umgesetzt; Stärke wird abgebaut, Ammoniak entweicht, das Aroma rundet sich, wie die Seite Verarbeitung ausführlich beschreibt. Schattentabak braucht dafür rund ein Jahr, Broadleaf für Maduro wird heißer und deutlich länger fermentiert. Früher geschah das in den Lagerhäusern von Hartford, heute häufig in der Karibik oder in Mittelamerika – der Schattentabak für Macanudo etwa wird in der Dominikanischen Republik weiterverarbeitet.

Viele Schuppen sind verfallen oder umgenutzt. Im Northwest Park von Windsor zeigt das Luddy/Taylor Connecticut Valley Tobacco Museum Geräte und Maschinen aus der Geschichte des Tals in einem umgebauten Trockenschuppen, Fotografien und Dokumente in einem eigenen Neubau.

Bedeutung für Premiumzigarren

Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts war das helle Connecticut-Blatt auf dem amerikanischen Markt der Maßstab für milde Deckblätter; Marken wie Macanudo haben diesen Stil geprägt. „Connecticut“ wurde zum Stilbegriff – so sehr, dass das Saatgut die Region verließ. In Ecuador, wo eine fast ständige Wolkendecke das Tuch ersetzt, wächst Connecticut-Saat heute in großen Mengen, günstiger und gleichmäßiger, und in den 2000er-Jahren stellten mehrere bekannte Marken auf solche Deckblätter um. Ein Fachmann der Versuchsstation in Windsor nannte dieses Blatt 2025 von geringerer Qualität, aber günstiger – und seine Vermarktung als Connecticut Shade irreführend. Für Broadleaf verlief die Entwicklung umgekehrt: Mit der Beliebtheit dunkler Maduro- und Oscuro-Zigarren wurde das einstige Umblatt zum gesuchten Deckblatt.

MerkmalConnecticut ShadeConnecticut Broadleaf
Anbauunter Tuch, früher Baumwollgaze, heute Kunstfasernetzin voller Sonne
Saatgutab 1899 aus Sumatra-Saat entwickelt, gekreuzt mit Havana-Seed- und Broadleaf-Linien1833 aus Maryland eingeführt, im Tal über Generationen ausgelesen
ErnteBlatt für Blatt von unten nach oben, sechs bis sieben Durchgängeganze Pflanze auf einmal, im Spätsommer
Trocknungpaarweise auf Latten genäht, sechs bis acht Wochenam Stängel auf Latten gespießt, mehrere Wochen
Fermentationrund ein Jahrheißer und deutlich länger als beim Schattenblatt
Blattbildhell- bis goldbraun, seidig, feinadrigdunkelbraun bis fast schwarz, kräftig geädert, ölig
Aromabildmild, cremig; Heu, Zedernholz, helle Nüssesüß und erdig; Kakao, Kaffee, Melasse, Leder
VerwendungDeckblatt milder bis mittelkräftiger PremiumzigarrenMaduro- und Oscuro-Deckblatt, Umblatt, maschinell gefertigte Zigarren

Praxistipp: Blatt aus dem Tal selbst erkennt man an Angaben wie „USA Connecticut Shade“ oder „Connecticut River Valley“; steht ein anderer Ländername vor „Connecticut“, ist meist nur die Saatlinie gemeint. Die beiden Gesichter des Tals lernt man am besten nebeneinander kennen, mit je einer Zigarre einer Marke in Shade- und in Broadleaf-Deckblatt. Schon vor dem Anzünden zeigt sich der Gegensatz: hier ein seidig schimmerndes, fein geädertes Blatt in hellem Gold, dort ein dunkles, öliges mit kräftigen Adern. Die milde raucht man zuerst, damit ihre Heu- und Nussnoten nicht im süßen Ton der dunklen untergehen.

Die Hände im Tal

Schattentabak gehört zu den arbeitsintensivsten Kulturen der Landwirtschaft; in den 1950er-Jahren schätzte der Verband der Schattentabakpflanzer den Bedarf auf bis zu 13.000 Arbeitskräfte pro Saison. Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten vor allem polnische, litauische und italienische Einwanderer auf den Feldern, ab 1916 kamen Studenten schwarzer Colleges aus dem Süden hinzu. Einer von ihnen war Martin Luther King Jr., der 1944 als angehender und 1947 als eingeschriebener Student des Morehouse College den Sommer auf der Schattentabakfarm von Cullman Brothers in Simsbury verbrachte und in Briefen schilderte, wie anders als im segregierten Süden er den Norden erlebte.

Im Zweiten Weltkrieg folgten Arbeiter aus Jamaika, Barbados und Trinidad, ab 1947 aus Puerto Rico, dazu jeden Sommer Tausende Jugendliche aus der Region, für die „working tobacco“ oft der erste Ferienjob war. Die Arbeit war schmutzig und anstrengend, aber gut bezahlt; Kinderarbeit war lange verbreitet, bis Connecticut 1947 ein Mindestalter festschrieb. Manche Saisonarbeiter blieben – die puerto-ricanische Gemeinde Hartfords hat in der Tabakarbeit eine ihrer Wurzeln.

Strukturwandel: vom Tabakmeer zur Nische

In den 1920er-Jahren standen im Tal mehr als 30.000 Acres unter Tabak, über 12.000 Hektar. Dann folgte ein Umbruch auf den anderen. Ab dem Zweiten Weltkrieg überholte die Zigarette die Zigarre. In den 1950er-Jahren kam das homogenisierte Tabakblatt auf, eine Folie aus zerkleinertem Tabak und Bindemittel, die in maschinell gefertigten Zigarren das natürliche Umblatt und vielfach auch das Deckblatt ersetzte. Vorstädte und Gewerbegebiete wuchsen auf den flachen Sandflächen, die sich ebenso leicht bebauen wie beackern ließen. 1977 endete der Schattentabakbau im zweiten großen US-Gebiet an der Grenze von Florida und Georgia; im Connecticut Valley brachte der Zigarrenboom der 1990er-Jahre noch einmal Aufwind, bevor die Nachfrage nach hellen Deckblättern nach Ecuador abwanderte.

Nach Presseberichten wuchs echter Connecticut Shade 2025 nur noch auf einem einzigen Familienbetrieb in Southwick, knapp jenseits der Grenze in Massachusetts, auf rund 35 Acres für den Hersteller von Macanudo. Die Schuppen von O. J. Thrall, einst wohl größter Schattentabakbetrieb des Bundesstaats, wichen einem Logistiklager nahe dem Flughafen Bradley. Und doch ist Tabak im Tal keine bloße Erinnerung: Auf rund 3.000 Acres, gut 1.200 Hektar, wächst er weiter, ganz überwiegend als Broadleaf, und die Versuchsstation in Windsor züchtet krankheitsresistente Linien für beide Typen. Wer im Spätsommer an den offenen Schuppen vorbeifährt, riecht, dass hier noch immer Deckblätter trocknen. Wie sich der Tabakanbau insgesamt entwickelt hat, erzählt die Seite Geschichte.

Quellen

  1. Connecticut shade tobacco – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Connecticut_shade_tobacco
  2. Tobacco: Windsor’s Cash Crop – Windsor Historical Society – https://www.windsorhistoricalsociety.org/tobacco-windsors-cash-crop/
  3. James LaMondia: History of Broadleaf Tobacco Production in Connecticut – Connecticut Agricultural Experiment Station, Valley Laboratory Windsor, 2019 (PDF) – https://portal.ct.gov/-/media/CAES/DOCUMENTS/Plant_Science_Day/2019/LaMondia-PSD-2019.pdf
  4. Use: Tobacco Sheds – Historic Barns of Connecticut – https://connecticutbarns.org/features/details/use-tobacco-sheds
  5. Made in the shade: CT tobacco farmers roll with the times – The Connecticut Mirror, August 2025 – https://ctmirror.org/2025/08/10/ct-shade-tobacco-farmers-cigars/

Häufige Fragen

Was unterscheidet Connecticut Shade von Connecticut Broadleaf?

Connecticut Shade wächst unter Tuch, wird Blatt für Blatt geerntet und liefert helle, seidige, milde Deckblätter. Broadleaf steht in voller Sonne, wird als ganze Pflanze geerntet und am Stängel getrocknet; nach langer, heißer Fermentation ergibt er dunkle, süße Maduro-Deckblätter. Beide stammen aus demselben Tal, sind in Anbau, Aussehen und Geschmack aber Gegenpole.

Stammt jedes „Connecticut“-Deckblatt aus Connecticut?

Nein. Oft bezeichnet „Connecticut“ nur die Saatlinie. Ein großer Teil der hellen Deckblätter dieses Stils wächst heute in Ecuador, wo eine natürliche Wolkendecke das Schattentuch ersetzt, oder in Mittelamerika. Blatt aus dem Tal selbst ist deutlich seltener geworden; echter Connecticut Shade wird nur noch in sehr kleinen Mengen angebaut.

Warum wird Schattentabak unter Tüchern angebaut?

Das Tuch ahmt die häufig bedeckten, feuchten Wachstumsbedingungen Sumatras nach. Es streut das Licht, hält die Luftfeuchte und schützt vor Wind und Insekten. Die Pflanzen bilden dadurch größere, dünnere, elastischere und gleichmäßiger gefärbte Blätter mit feinen Adern – genau die Eigenschaften, die ein Deckblatt braucht.

Warum ist Broadleaf so dunkel?

Die Farbe entsteht durch die Verarbeitung, nicht durch Zusätze. Broadleaf trocknet am Stängel und wird danach in großen Stapeln heißer und deutlich länger fermentiert als helle Deckblätter. Dabei wird das dicke, kräftige Blatt tief dunkelbraun bis fast schwarz und entwickelt seine typische Süße. Ein dünnes Schattenblatt würde diese Behandlung nicht überstehen.

Kann man die Tabakgeschichte des Tals heute noch erleben?

Ja. Das Luddy/Taylor Connecticut Valley Tobacco Museum im Northwest Park von Windsor zeigt Geräte, Fotografien und Dokumente, zum Teil in einem umgebauten Trockenschuppen. Entlang der Landstraßen zwischen Windsor, Suffield und dem Pioneer Valley in Massachusetts stehen zudem noch viele der typischen Schuppen mit ihren Lüftungsbrettern, und im Sommer sind Broadleaf-Felder zu sehen.