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Tabakbräuche weltweit

Tabak ist seit jeher mehr als ein Genussmittel: Er ist Gabe an die Geister, Angebot an den Gast, Zeichen für Pause, Bündnis oder Sieg. Diese Seite führt von den Pfeifenzeremonien Nordamerikas über Amazonien, die Kaffeehäuser zwischen Kairo und Teheran und den schwedischen Snus bis zu Paan, Bidi und Kretek, zur Siegerzigarre und zur europäischen Rauchpause – und zeigt, welche Regeln sich jede Kultur für das Anbieten und Teilen gegeben hat.

UrsprungAmerika – die ältesten Spuren sind Tabaksamen aus einer rund 12.300 Jahre alten Feuerstelle in Utah
Zeremonielle PfeifeBei den Lakota Chanunpa, von Europäern Calumet oder Friedenspfeife genannt; Köpfe oft aus rotem Catlinit aus Minnesota
AmazonienMapacho-Zigaretten und Rapé-Schnupfpulver, meist aus dem nikotinstarken Bauerntabak Nicotiana rustica
WasserpfeifeNargile, Shisha, Huqqa, Ghalyan – vier Namen für eine Kaffeehauskultur vom Balkan bis Indien
Ohne RauchSnus in Schweden und Norwegen, Schmalzler-Prise in Altbayern und Österreich, Paan mit Zarda und Khaini in Indien
Süd- und SüdostasienBidi im Tendublatt aus Indien, Kretek mit rund einem Drittel Gewürznelken aus Indonesien
AnlässeGebet, Bündnis, Gastfreundschaft, Geburt, Sieg, Feierabend

Tabak als Geste: warum jede Kultur eigene Regeln fand

Die ältesten bekannten Spuren menschlicher Tabaknutzung sind Tabaksamen aus einer rund 12.300 Jahre alten Feuerstelle in Utah. In beiden Amerikas wurde die Pflanze über Jahrtausende geraucht, geschnupft, gekaut und geopfert, bevor europäische Seefahrer sie im 16. Jahrhundert um die Welt trugen; die Stationen dieser Reise schildert die Geschichte des Tabaks.

Selten schuf der Tabak dabei etwas völlig Neues, meist fügte er sich in Rituale, die es schon gab. In Japan wurde aus dem Tablett der Räucherzeremonie das Tabaktablett, das tabako-bon. In Süd- und Südostasien wanderte er in das uralte Betelkauen. Immer wieder kehren dieselben Grundmotive zurück: anbieten und annehmen, aus einem Gefäß teilen, einen Übergang markieren – vom Gebet zur Beratung, von der Arbeit zum Feierabend. Was von außen fremd wirkt, ist von innen selbstverständlich; das gilt für eine Pfeifenzeremonie der Lakota ebenso wie für die Prise am bayerischen Stammtisch.

Zeremonielle Pfeifen in Nordamerika

Mehr als eine „Friedenspfeife“

Viele indigene Nationen Nordamerikas pflegen Pfeifentraditionen, jede mit eigenem Namen in eigener Sprache; bei den Lakota heißt die heilige Pfeife Chanunpa. Das Wort Calumet brachten französische Siedler mit: ein normannisches Wort für Schilfrohr, verwandt mit chalumeau. Aus dem französischen „calumet de la paix“ und der englischen „peace pipe“ wurde im Deutschen die Friedenspfeife – samt der Redensart, mit jemandem die Friedenspfeife zu rauchen.

Der Name greift zu kurz. Zeremonielle Pfeifen begleiteten Gebete und Gelübde, besiegelten Bündnisse, eröffneten Handel und Beratung; der Friedensschluss war nur eine Aufgabe unter vielen und nicht bei allen Nationen üblich. Der Rauch, so die verbreitete Vorstellung, trägt Gebet und gegebenes Wort zum Schöpfer und macht es verbindlich. Nach der Überlieferung der Lakota brachte die Weiße Büffelkalbfrau ihnen die heilige Pfeife und lehrte sie deren Zeremonien, die bis heute lebendig sind. Viele Pfeifen gehören keiner Einzelperson, sondern werden von einer Zeremonialgemeinschaft verwahrt – mit dem Klischee aus Westernfilmen hat das wenig zu tun.

Pfeifenstein aus Minnesota

Für die Köpfe vieler Pfeifen der Prärie diente der rote Pfeifenstein aus dem Südwesten Minnesotas, benannt nach dem Maler George Catlin, der die Brüche 1836 besuchte. Der weiche Catlinit liegt zwischen harten Quarzitbänken; die Brüche galten als neutraler Boden, zu dem Menschen vieler Nationen reisten. Heute schützt sie das Pipestone National Monument: Seit über 3.000 Jahren wird dort Stein für Pfeifen gebrochen, die in Gebet und Zeremonie dienen. Abbauen dürfen nur eingetragene Angehörige der von der US-Bundesregierung anerkannten indigenen Nationen, und nur mit Handwerkzeug; im Sommer zeigen Pfeifenmacher, oft in dritter oder vierter Generation, dort ihr Handwerk.

Tabak als Gabe

Geraucht wurde nicht überall reiner Tabak. Im Osten war der kräftige Bauerntabak Nicotiana rustica verbreitet, im Westen und Norden mischte man Kinnikinnick – ein Lenape-Wort für „Gemisch“ – aus Bärentraubenblättern, der Innenrinde des nordamerikanischen Seidigen Hartriegels, den das Englische irreführend „red willow“ nennt, und weiteren Pflanzen. Bei den Ojibwe gilt Tabak, asemaa, als eine der vier heiligen Medizinen: Er wird als Dank dargebracht und als Geste überreicht, wenn man Älteste um Rat bittet. Viele Gemeinschaften unterscheiden heute bewusst zwischen diesem traditionellen, heiligen Tabak und kommerziellem Tabak aus der Packung.

Rapé und Mapacho: Tabak im Amazonasgebiet

Besonders vielfältig ist der Umgang mit Tabak in Südamerika. Der Ethnologe Johannes Wilbert hat in seiner umfassenden Studie „Tobacco and Shamanism in South America“ (1987) beschrieben, wie Tabak dort geraucht, geschnupft, gekaut, als Paste geleckt und als Saft getrunken wird. Meist ist es wieder der Bauerntabak, dessen Blätter ein Vielfaches des Nikotins gewöhnlichen Tabaks enthalten können; botanisch ordnet ihn die Seite Die Tabakpflanze ein.

Im peruanischen Amazonasgebiet heißt er Mapacho, ebenso wie die filterlosen Zigaretten, die man daraus dreht. In der schamanischen Heiltradition des vegetalismo, die indigene und mestizische Heilkundige pflegen, gilt der Geist des Tabaks als einer der mächtigsten Beschützer. Der Rauch wird dabei weniger genossen als eingesetzt: Man bläst ihn über Menschen, Pflanzenzubereitungen und Gegenstände, um zu schützen und zu reinigen. Welche Rolle der Tabak darüber hinaus im Alltag spielt, unterscheidet sich von Gemeinschaft zu Gemeinschaft stark.

Rapé ist zunächst nur das portugiesische Wort für Schnupftabak, vom französischen râpé, „gerieben“. Auch in Brasilien schnupfte man noch bis ins frühe 20. Jahrhundert; die einen sahen darin feine Lebensart, die anderen eine Unsitte. Heute meint das Wort vor allem die zeremoniellen Pulver vieler Völker Westamazoniens: fein gestampfter Tabak, meist Bauerntabak, vermischt mit der Asche bestimmter Baumrinden, nach Rezepturen, die von Gruppe zu Gruppe verschieden sind. Mit dem langen Röhrchen tepi bläst eine zweite Person das Pulver in die Nase, mit dem V-förmigen kuripe verabreicht man es sich selbst. Dass Rapé inzwischen auch in westlichen Retreatkreisen kursiert, wirft die Frage auf, was von einem Ritual bleibt, wenn man es aus seinem Zusammenhang löst.

Shisha, Nargile, Ghalyan: die Wasserpfeife und ihre Cafés

Schon die Namen der Wasserpfeife erzählen Geschichte. Nargile, in der Türkei und auf dem Balkan gebräuchlich, geht über das Persische auf ein Sanskritwort für Kokosnuss zurück – frühe Gefäße waren wohl Kokosschalen. Shisha kommt vom persischen Wort für Glas, huqqa – das englische hookah – bedeutet Gefäß, im Iran heißt sie Ghalyan. Ob sie in Persien oder am Hof der indischen Mogulkaiser entstand, ist umstritten; an beiden Höfen wurde sie zum Statussymbol, um das sich eigene Diener kümmerten. Wie tief sie im Iran verwurzelt war, zeigte 1891 der Tabakprotest gegen ein britisches Monopol: Nach einer Fatwa des führenden schiitischen Gelehrten Mirza Schirazi blieben die Pfeifen landesweit kalt – der Überlieferung nach wollten selbst die Diener des Schahs ihm keine mehr stopfen –, bis die Konzession Anfang 1892 fiel.

Das Kaffeehaus als zweites Wohnzimmer

Ihren eigentlichen Ort hat die Wasserpfeife im Kaffeehaus, in Kairo ahwa genannt. Man sitzt vor der Tür, spielt Tawla oder Domino, trinkt Tee und lässt sich Zeit, denn eine Pfeife hält oft eine Stunde und länger; ein Mitarbeiter geht mit glühender Kohle von Tisch zu Tisch und legt nach. Solche Cafés sind in der arabischen Welt, was der Pub in Großbritannien ist, und gemeinsames Rauchen gilt als Zeichen der Gastfreundschaft. Die Etikette ist alt: Wer fertig ist, legt den Schlauch auf den Tisch oder reicht ihn umgeschlagen weiter, sodass das Mundstück nicht auf den Nächsten zeigt. Traditionell raucht man Tumbak, reinen, angefeuchteten Tabak, auf den die Kohle direkt gelegt wird. Der süße Mu’assel, dessen Name vom arabischen Wort für Honig kommt, ist mit Melasse oder Glycerin und Aromen versetzt und hat sich erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts breit durchgesetzt, mit ihm auch die Shisha-Bars in Europas Städten. Eigene Pfeifentraditionen pflegen die Emirate, wo man den winzigen Kopf der Midwakh-Pfeife in fein gesiebten Dokha-Tabak taucht, und Vietnam, wo an vielen Teestuben eine Bambus-Wasserpfeife samt Tabakkästchen für alle bereitsteht.

Snus: die skandinavische Prise unter der Lippe

Schwedens Beitrag zur Tabakkultur ist fast unsichtbar – bis auf eine leicht gewölbte Oberlippe. Snus kam als Schnupftabak ins Land und wurde zum feuchten Oraltabak, den man unter die Oberlippe schiebt. Anders als die meisten Tabake wird er nicht fermentiert, sondern erhitzt; die älteste noch bestehende Marke, Ettan, geht auf das Jahr 1822 zurück, und ihr Begründer Ljunglöf führte die Wärmebehandlung ein, die die Herstellung um Wochen verkürzte.

Loser Snus wird mit den Fingerspitzen oder einem kleinen Formgerät zu einer festen Prise gepresst, die man in Schweden pris nennt; seit 1973 gibt es ihn auch in Portionsbeuteln. Die Dosen waren einst aus Porzellan, Holz, Silber oder Gold; heute lagern sie im Laden gekühlt. Seine Anhänger schätzen, dass er kein Feuer, keinen Aschenbecher und keinen Unterstand braucht. In der EU darf Snus nur in Schweden verkauft werden, das sich diese Ausnahme beim Beitritt 1995 ausgehandelt hat; im Nicht-EU-Land Norwegen hat er gerade bei Jüngeren stark an Boden gewonnen. Worin er sich von Kautabak und Nikotinbeuteln unterscheidet, zeigt die Seite Tabakwaren im Überblick.

Prise und Priem: Schnupf- und Kautabak von Bayern bis Indien

Bayern: die Prise am Stammtisch

In Altbayern und Österreich ist das Schnupfen bis heute gesellig. Wer sein Büchsl zieht, bietet es in der Runde an; die Prise kommt auf den Handrücken, in die Mulde am Daumenansatz, die in der Anatomie bis heute Tabatière heißt, und wird mit einem kurzen Zug genommen. Klassisch ist der dunkle, erdig-würzige Schmalzler. In manchen Dörfern steht der Schnupfclub in der Vereinsliste gleich neben Feuerwehr, Gartenbau- und Burschenverein, und es gibt nationale wie internationale Schnupfmeisterschaften. Ganz vorn findet man dort immer wieder die Schnupfer aus Unterbuch, einem Dorf von rund 60 Einwohnern, das zur Gemeinde Daiting im Landkreis Donau-Ries gehört. Einen praktischen Grund zum Schnupfen hatten Bergleute: Unter Tage galt wegen der Schlagwettergefahr Rauchverbot, also nahm man eine Prise; Seeleute kauten an Bord ihren Priem.

Indien: Paan, Zarda und Khaini

In Asien wurde Betel schon Jahrtausende gekaut, bevor der Tabak ankam. Die sogenannte Betelnuss ist der Samen der Arekapalme; sie wird mit gelöschtem Kalk im Blatt des Betelpfeffers gekaut, in Südasien als paan. Seit der Frühen Neuzeit wird Paan auch mit Tabak zubereitet, heute etwa mit Zarda, einer aromatisierten Kautabak-Zubereitung; daneben gibt es das süße, tabakfreie meetha paan. Paan ist vor allem Gastfreundschaft: In Assam bietet man Gästen nach Tee oder Mahlzeit paan-tamul an, in Bangladesch zeigte das Anbieten von Paan bei förmlichen Anlässen traditionell an, dass es Zeit zum Aufbruch ist. Der Paanwala an der Straßenecke, der die Päckchen nach Wunsch faltet, ist in nordindischen Städten eine Institution. Vor allem in Nordindien verbreitet ist außerdem Khaini: Tabak, mit etwas Kalk in der Handfläche verrieben und zwischen Lippe und Zahnfleisch gelegt. Dass Kautabak, gerade in südasiatischen Zubereitungen, erhebliche Gesundheitsrisiken birgt, ordnet die Seite Tabak und Gesundheit ein.

Bidi und Kretek: Blatt und Nelke

In Indien raucht man seit Generationen die Bidi: ein wenig Tabak, eingerollt in ein Tendublatt, das ein Faden zusammenhält. Ihr Name geht auf das Marwari-Wort beeda zurück, ursprünglich ein in ein Blatt gewickeltes Gemisch aus Betelnuss und Gewürzen. Die Blätter werden im Sommer gesammelt und einige Tage in der Sonne getrocknet; gerollt wird überwiegend in Heimarbeit, meist von Frauen, die mehrere hundert Stück am Tag fertigen. Eine Bidi will häufig nachgezogen werden und ist schnell geraucht. In Indien werden mehr Bidis als Zigaretten geraucht; ihren großen Aufschwung erlebte sie in den 1930er-Jahren, auch weil einheimische Erzeugnisse gegenüber importierten Zigaretten politisch aufgewertet wurden.

Kretek ist lautmalerisch: So klingt es, wenn in der Glut die Gewürznelken knacken. Der Überlieferung nach mischte Haji Djamhari aus Kudus in Zentraljava um 1880 getrocknete Nelken in seine Zigaretten, nachdem er Nelkenöl gegen Brustschmerzen benutzt hatte. Anfang des 20. Jahrhunderts begann der Unternehmer Nitisemito aus Kudus, Kretek in Serie und unter eigenem Markennamen zu verkaufen; in den 1960er- und 1970er-Jahren wurde sie zum nationalen Gegenentwurf zur „weißen“ Zigarette. Heute greifen rund neun von zehn indonesischen Rauchern zur Kretek, deren Tabak mit etwa einem Drittel zerkleinerter Nelken und einer gehüteten Aromasoße gemischt wird. Neben der Maschinenware, die seit den 1980er-Jahren überwiegt, werden Kretek weiterhin von Hand gerollt, meist von Frauen in großen Rollsälen. In Kudus erzählt seit 1986 ein Kretek-Museum die Geschichte. In der EU dürfen Zigaretten mit charakteristischem Aroma nicht in Verkehr gebracht werden; Zigarillos sind davon ausgenommen, daher begegnet man der Tradition hier allenfalls als Nelken-Zigarillo.

Die Zigarre als Ritual: Geburt, Sieg, Abschluss

Die Zigarre ist der Tabak der Anlässe, auch weil sie Zeit verlangt: Eine große Zigarre brennt eine Stunde und länger, und wer sie anzündet, erklärt, dass jetzt nichts mehr drängt. Das Zeremoniell beginnt vorher, mit Auswählen, Anschneiden und Anrösten des Fußes, wie es die Seite Zigarre anschneiden und anzünden beschreibt.

Vor allem in Nordamerika verteilen frischgebackene Väter Zigarren an Freunde und Kollegen, manche mit Bauchbinden, auf denen „It’s a Boy!“ oder „It’s a Girl!“ steht. Die Siegerzigarre ist eng mit Red Auerbach verbunden, dem langjährigen Trainer der Boston Celtics: Er zündete sich noch auf der Bank eine an, sobald er ein Spiel für entschieden hielt, und machte daraus eine Bostoner Tradition; in den 1960er-Jahren verboten manche Restaurants der Stadt das Zigarren- und Pfeifenrauchen per Schild – außer für Red Auerbach. Dazu kommen leisere Anlässe: der Vertragsabschluss, die Hochzeit, der runde Geburtstag, die Zigarre, die jahrelang für einen besonderen Tag im Humidor liegt. Wie die kubanische Zigarre selbst zum Symbol wurde, erzählt kubanische-zigarren.org.

Rauchpause, Rauchsalon, Terrasse: Europas Alltagsrituale

Europäische Tabakbräuche sind so alltäglich, dass man sie leicht übersieht. Das Deutsche misst Zeit in Zigarettenlängen und kennt die Feierabendzigarette, im Französischen heißt die kleine Unterbrechung pause clope. Die Rauchpause schafft einen Ort, an dem Abteilungen und Hierarchien kurz aufgehoben sind und Neuigkeiten schneller wandern als auf dem Dienstweg.

Der preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. lud zu seinem Tabakskollegium, einer Runde nur für Männer: Geraucht wurde aus Tonpfeifen, dazu floss das Bier, und gestritten wurde über Politik. Das Hofzeremoniell hatte dort Pause – kam der König hinzu, blieben alle sitzen. Im viktorianischen England zogen sich die Herren nach dem Dinner in den smoking room zurück, in einer Samtjacke, die die Kleidung vor dem Rauch schützte: dem smoking jacket, von dem das deutsche Wort Smoking für den Abendanzug stammt. Heute führen Pfeifenclubs und Tabakskollegien die Tradition fort; ihre Dachverbände tragen Meisterschaften im Langsamrauchen aus, bei denen drei Gramm Tabak in einer Einheitspfeife möglichst lange glimmen sollen. Wer über zwei Stunden kommt, gehört zur Spitze, der Weltrekord liegt bei über dreieinhalb Stunden – Zeiten, die viel über gutes Stopfen und Anzünden verraten.

2004 verschob sich der Schauplatz: Irland verbot als erstes Land der Welt das Rauchen in allen geschlossenen Arbeitsstätten einschließlich der Pubs, viele Länder folgten. Seither findet die Rauchpause vor der Tür statt, auf Caféterrassen, unter Heizstrahlern, in Hauseingängen. Das Englische hat dafür ein eigenes Wort, smirting, aus smoking und flirting – zuerst 2003 in New York beobachtet, wo das Rauchverbot in Bars schon galt, dann in Irland. Wie Packungsdesign und Werbung diese Alltagskultur begleitet haben, erzählt zigarette.com.

Bräuche im Überblick

BrauchRegionFormAnlass und Bedeutung
Zeremonielle Pfeife (Chanunpa, Calumet)NordamerikaSteinpfeife mit Tabak oder KinnikinnickGebet, Gelübde, Bündnis, Verhandlung
Tabakgabe (asemaa)Große Seenloser TabakDank, Bitte um Rat
MapachoPeruanisches Amazonasgebietfilterlose Zigarette aus BauerntabakHeilritual, Schutz, Reinigung
RapéWestamazonienSchnupfpulver mit PflanzenascheZeremonie, Gemeinschaft
Shisha, Nargile, GhalyanNaher Osten, Nordafrika, SüdasienTumbak oder Mu’assel in der WasserpfeifeGastfreundschaft, Kaffeehaus
SnusSchweden, Norwegenfeuchter Oraltabak unter der OberlippeAlltag, Arbeit, unterwegs
Schmalzler-PriseAltbayern, Österreichgrober Schnupftabak vom HandrückenStammtisch, Verein, Meisterschaft
Paan (auch mit Zarda), KhainiIndien, BangladeschBetelpäckchen, auch mit Tabak; Tabak mit KalkPaan: Gastfreundschaft, Feste; Khaini: Alltag
BidiIndienTabak im TendublattAlltag, kurze Pause
KretekIndonesienZigarette mit GewürznelkenAlltag, nationale Identität
ZigarreweltweitPremiumzigarreGeburt, Sieg, Abschluss
RauchpauseEuropaZigarette, Zigarillo, PfeifeArbeitspause, Terrasse, Club

Als Gast dabei sein

Wer auf Reisen zu einem dieser Bräuche eingeladen wird, ist Gast, nicht Zuschauer. Man folgt den Gastgebern, fragt, bevor man etwas anfasst, und nimmt Angebotenes an oder lehnt es mit freundlichem Dank ab.

Praxistipp: Pfeifenzeremonien und Rapé-Rituale sind keine Vorführungen; fotografiert wird nur mit ausdrücklicher Erlaubnis. Im Shisha-Café nimmt man ein eigenes Mundstück und reicht den Schlauch umgeschlagen weiter. Bevor Snus, Bidi oder Wasserpfeifentabak ins Reisegepäck wandern, lohnt ein Blick auf die Einfuhrregeln – siehe Reisen mit Tabak und Recht & Steuer.

Quellen

  1. Pipestone National Monument – U.S. National Park Service – https://www.nps.gov/pipe/index.htm
  2. Snus (Ettan, Portionssnus, EU-Verbot) – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Snus
  3. Nicotiana rustica (Mapacho, Rapé) – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Nicotiana_rustica
  4. Hookah (Shisha, Nargile, Ghalyan) – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Hookah
  5. Kretek – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Kretek

Häufige Fragen

Warum heißt die zeremonielle Pfeife „Friedenspfeife“?

Der Name stammt von Europäern. Französische Siedler nannten die Pfeife calumet, nach einem normannischen Wort für Schilfrohr, und sprachen vom „calumet de la paix“, weil sie sie bei Friedensschlüssen erlebten. Tatsächlich begleiteten zeremonielle Pfeifen ebenso Gebete, Gelübde, Handel und Beratungen. Die Nationen selbst haben eigene Namen dafür, bei den Lakota etwa Chanunpa.

Was unterscheidet Rapé vom europäischen Schnupftabak?

Rapé ist zunächst einfach das portugiesische Wort für Schnupftabak. Das zeremonielle Rapé Amazoniens entsteht meist aus dem starken Bauerntabak Nicotiana rustica und der Asche bestimmter Baumrinden und wird mit Röhrchen in die Nase geblasen, oft von einer zweiten Person. Europäischer Schnupftabak wie der bayerische Schmalzler beruht auf gewöhnlichem Tabak, wird gesoßt und fermentiert und als Prise vom Handrücken genommen.

Wie verhält man sich als Gast in einem Shisha-Café?

Man bringt Zeit mit, denn eine Wasserpfeife ist auf eine Stunde und mehr angelegt. Wer fertig ist, legt den Schlauch auf den Tisch oder reicht ihn umgeschlagen weiter, sodass das Mundstück nicht auf den Nächsten zeigt. Viele Gäste nutzen ein eigenes Mundstück; um die Kohle kümmert sich in traditionellen Cafés das Personal.

Ist die Betelnuss eine Form von Tabak?

Nein. Die sogenannte Betelnuss ist der Samen der Arekapalme und wird in Asien seit Jahrtausenden mit gelöschtem Kalk im Blatt des Betelpfeffers gekaut, lange bevor der Tabak dorthin kam. Seit der Frühen Neuzeit enthält das südasiatische Paan oft zusätzlich Tabak, etwa als Zarda; das süße meetha paan dagegen kommt ganz ohne Tabak aus.

Warum darf Snus in der EU nur in Schweden verkauft werden?

Die EU hat den Verkauf von Tabak zum oralen Gebrauch Anfang der 1990er-Jahre verboten. Schweden, wo Snus seit Generationen zum Alltag gehört, hat sich bei seinem Beitritt 1995 eine Ausnahme gesichert. Norwegen gehört nicht zur EU und kennt dieses Verbot nicht. Für die Mitnahme auf Reisen gelten die Zoll- und Tabaksteuerregeln des jeweiligen Landes.