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Geschichte des Pfeifenrauchens
Die Pfeife ist die älteste archäologisch fassbare Form, Tabak zu rauchen – und die einzige, deren Gerät selbst zum Kunstwerk, Statussymbol und Sammlerstück wurde. Diese Seite folgt ihr von den Steinpfeifen der nordamerikanischen Grabhügel über die weißen Tonpfeifen aus Gouda und dem Westerwald, die Porzellanköpfe des Biedermeier und die Meerschaumschnitzer Wiens bis zur Bruyèrepfeife aus Saint-Claude. Und sie erklärt, wie daraus Clubs, Weltmeisterschaften im Langsamrauchen und die lebendige Pfeifenkultur von heute wurden.
| Älteste Zeugnisse | Steinerne Röhren- und Plattformpfeifen indigener Kulturen Nordamerikas; der rote Pfeifenstein Minnesotas wird seit über dreitausend Jahren gebrochen |
|---|---|
| Tonpfeife | England ab dem späten 16. Jahrhundert, Gouda ab 1617 (Zunft 1660), Westerwald ab dem 17. Jahrhundert |
| Holz und Porzellan | Ulmer Kloben aus Maserholz, der Überlieferung nach seit den 1730er-Jahren; bemalte Porzellanköpfe vom späten 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts |
| Meerschaum | Rohstoff aus Eskişehir (Anatolien), Schnitzzentren Wien und Budapest, Fabriken in Ruhla; Blüte im 19. Jahrhundert |
| Bruyère | Wurzelknolle der Baumheide, seit etwa 1850 in Saint-Claude (Jura) verarbeitet – bis heute der Standard |
| Langsamrauchen | 3 g Tabak, Einheitspfeife, zwei Streichhölzer; Weltrekord über dreieinhalb Stunden |
| Gedenktag | Internationaler Tag des Pfeifenrauchens am 20. Februar, seit 2008 |
Vor Kolumbus: Stein, Ton und Zeremonie
Lange bevor der erste Europäer ein Tabakblatt sah, war die Pfeife in Amerika ein ausgereiftes Gerät. Die ältesten Formen sind schlichte Röhren aus Stein oder Ton: an einem Ende der Tabak, am anderen der Mund. Aus der Röhre entwickelten sich die Winkelpfeife mit aufrechtem Kopf und die Plattformpfeife, deren Kopf auf einer flachen, oft leicht gebogenen Steinplatte sitzt. Die Hopewell-Kultur im Tal des Ohio, die etwa von 100 v. Chr. bis 500 n. Chr. blühte, hinterließ die eindrucksvollsten Stücke: In einem einzigen Grabhügel bei Mound City fanden Archäologen über zweihundert steinerne Pfeifen, viele davon als plastische Tiere geformt – Otter, Raben und andere Arten. Solche Pfeifen wanderten als Handelsgut über halb Nordamerika.
Wie eng Pfeife und Zeremonie verbunden blieben, zeigt der rote Pfeifenstein aus Minnesota, der nach dem Maler George Catlin Catlinit heißt. Indigene Völker brechen ihn seit mehr als dreitausend Jahren aus dem Boden und fertigen daraus bis heute die Köpfe ihrer zeremoniellen Pfeifen; der Steinbruch ist heute ein Nationalmonument. Die langstielige Kalumet-Pfeife, mit der Bündnisse besiegelt wurden, und die Rolle des Tabaks in Ritual und Diplomatie beschreibt die Seite Geschichte des Tabaks; hier genügt der Hinweis, dass die Europäer nicht nur die Pflanze übernahmen, sondern auch die Form des Geräts. Die frühen englischen Tonpfeifen mit kleinem Kopf und geradem Rohr gelten als Nachbildung der Winkelpfeifen, die Seeleute an der Küste Virginias kennengelernt hatten.
Die weiße Pfeife: Ton aus Gouda und dem Westerwald
In England wurden im späten 16. Jahrhundert die ersten Tabakpfeifen aus Ton gebrannt – mit winzigen Köpfen, denn Tabak war ein teures Importgut. 1619 erhielten die Pfeifenmacher von Westminster ihre Zunft. Mit den englischen Truppen, die unter Moritz von Oranien in den Niederlanden dienten, kam das Handwerk nach Gouda: 1617 eröffnete dort der erste englische Pfeifenmacher seine Werkstatt, 1660 gründeten die Goudaer eine eigene Zunft mit Qualitätsvorschriften und geschützten Herstellermarken. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren 374 Meister in der Zunft eingeschrieben, und mit Gesellen, Frauen und Kindern lebten rund siebentausend Menschen der Stadt von der Pfeife. Die lange, dünne Goudaer Pfeife aus weiß brennendem Ton wurde zum europäischen Massenartikel; ihren Rohstoff bezogen die Werkstätten auch aus England, Belgien und Deutschland.
Damit ist der Westerwald im Spiel. Im Kannenbäckerland um Höhr-Grenzhausen brannten Töpfer seit dem 17. Jahrhundert Steinzeug und Pfeifen aus dem hellen Ton der Region. Die Töpfer von Hilgert hatten sich 1643 mit denen der Nachbarorte zu einer Zunft zusammengeschlossen. Ein Pfeifenmacher wird dort schon 1664 genannt, als Berufsgruppe sind die Pfeifenbäcker – so hießen die Pfeifenmacher hier, wie die Töpfer Kannenbäcker hießen – erst 1754 belegt; 1792 gründeten sie eine eigene Zunft, und die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war ihre große Zeit. Als Nassau 1819 die Zünfte auflöste und im 19. Jahrhundert Meerschaum, Porzellan, Holz und schließlich die Zigarre die wohlhabenden Raucher abwarben, blieb die Tonpfeife das Gerät der kleinen Leute, der Matrosen und Wirtshausgäste. In Hilgert hat der letzte hauptberufliche Pfeifenbäcker erst 1988 aufgehört.
Die Herstellung war ein Handwerk mit wenigen Werkzeugen, aber vielen Handgriffen:
- Der gereinigte, geschlagene Pfeifenton wird zu einem Strang mit verdicktem Ende gerollt – dem Rohling, der Rohr und Kopf schon andeutet.
- Ein dünner Draht wird der Länge nach durch das Rohr geschoben; er hält den Rauchkanal frei.
- Der Rohling kommt in eine zweiteilige Metallform, in die Verzierungen und die Marke des Meisters eingeschnitten sind; ein Stempel drückt die Kammer in den Kopf.
- Nach dem Entformen werden die Nähte abgeschabt, der Draht wird gezogen, die Pfeife trocknet.
- Gebrannt wird in geschlossenen Kapseln, damit die Pfeifen weiß bleiben und keine Asche ansetzen.
Weil die Pfeifen billig waren und leicht brachen, gehören ihre Bruchstücke zu den häufigsten Funden in den Böden europäischer Städte. Herstellermarken und Kopfformen erlauben eine Datierung, und der amerikanische Archäologe J. C. Harrington bemerkte in den 1950er-Jahren, dass die Bohrung der Rohre im Laufe der Jahrhunderte immer enger wurde: Der Durchmesser eines Pfeifenstiels grenzt eine Fundschicht auf wenige Jahrzehnte ein. In Bremen wird bis heute bei der Schaffermahlzeit nach Art der alten Schiffer aus langen weißen Tonpfeifen geraucht – Pfeifen aus dem Westerwald.
Ulmer Kloben, Porzellankopf und Gesteckpfeife
Der deutsche Sonderweg begann mit Holz. In Ulm und im nahen Geislingen wurden seit dem frühen 18. Jahrhundert Pfeifenköpfe aus Maserholz geschnitzt – aus den knorrigen Wucherungen an Nussbaum, Birne oder Erle, deren dichte, wild gezeichnete Struktur dem Feuer standhält. Als Erfinder der eigentümlichen, von der Seite fast scheibenförmigen Form, die als „Ulmer Kloben“ berühmt wurde, nennen die meisten Quellen den ehemaligen Weber Johann Jakob Glöckle, der sie 1733 eingeführt haben soll; das Handwerk selbst ist älter. Mit Beschlägen aus Silber, Messing oder Tombak und Scharnierdeckeln fanden die Köpfe ihre Kunden in Bayern, der Schweiz und den österreichischen Alpen. Dann verdrängten Porzellan und Meerschaum den Kloben; die letzten Ulmer Pfeifenmacher hielten noch bis nach dem Ersten Weltkrieg durch, als aus der Gebrauchspfeife inzwischen ein Andenken geworden war.
Das Porzellan hatte einen Vorzug, den kein Holz bieten konnte: Es ließ sich bemalen. Vom späten 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der Porzellankopf das Geschenk der Wahl – mit Jagdszenen, Stadtansichten, Sinnsprüchen und persönlichen Widmungen. Die Studentenpfeife trug die Farben der Verbindung, die Reservistenpfeife Regiment, Dienstjahre und die Namen der Kameraden. Geraucht wurde der Kopf fast nie allein, sondern als Teil der Gesteckpfeife: oben der Kopf, darunter der Abguss – auch Saftsack genannt –, der Kondenswasser und Speichel auffängt, dann ein langes Rohr aus Weichselholz, dem aromatisch duftenden Holz der Felsenkirsche, und zuletzt eine Spitze aus Horn. Alles war gesteckt, nichts geklebt, und jedes Teil ließ sich einzeln ersetzen. Als Gesteckpfeife lebt die Bauweise in Süddeutschland und Österreich bis heute fort.
Wie selbstverständlich die Pfeife zum bürgerlichen Alltag des 18. Jahrhunderts gehörte, zeigt das Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach: Die Arie „Sooft ich meine Tobackspfeife“ (BWV 515) betrachtet über der glimmenden Pfeife Vergänglichkeit und Trost.
Meerschaum: die Blüte des 19. Jahrhunderts
Meerschaum ist ein Mineral, Sepiolith, das in Knollen aus dem Boden kommt: leicht und porös, frisch aus der Grube mit dem Messer zu schneiden. Die ergiebigsten Lager liegen um Eskişehir in Anatolien. Schon im 17. Jahrhundert wurden in Griechenland und der Türkei Pfeifen daraus geschnitten, um 1680 kannte man sie in kleinen Kreisen bereits in vielen Ländern Europas, und im 18. Jahrhundert entstanden auch in Mitteleuropa Werkstätten. Die hübsche Gründungslegende – ein Graf Andrássy bringt 1723 einen seltsam leichten Stein aus der Türkei mit, ein Schuster in Pest schnitzt Pfeifen daraus und entdeckt bei der Arbeit, dass Bienenwachs den Stein schöner färbt – ist eine Erfindung der Werbung des 19. Jahrhunderts; Archivforschung fand weder den Grafen in der passenden Rolle noch den Schuster. Wahr ist, was die Legende erklären wollte: Meerschaum saugt die Öle des Tabaks auf und färbt sich über Jahre von Weiß über Gold bis Kastanienbraun, und eine Wachsschicht vertieft diese Färbung.
Im 19. Jahrhundert wurde der Meerschaum zum Träger einer regelrechten Schnitzkunst. Wien und Budapest waren die Zentren, in denen Pfeifenköpfe zu Bildhauerei wurden: Jagdszenen, mythologische Gruppen, Porträts und Frauenköpfe mit wallendem Haar, dazu Zigarrenspitzen mit ganzen Figurengruppen. Die industrielle Seite lag in Thüringen: Ruhla am Rennsteig zählte 1798 bereits sechzehn Fabriken, und aus den Pfeifenbeschlägen, die die Gebrüder Thiel 1862 in Ruhla anmeldeten, ging später die Uhrenindustrie der Stadt hervor.
Nach 1900 ging es rasch abwärts: Die Zigarette und die robuste Bruyèrepfeife nahmen dem Meerschaum die Kundschaft, und wo in Wien einst an die fünfzig Werkstätten mit je zehn bis fünfzehn Leuten gearbeitet hatten, waren es in den 1930er-Jahren noch vier oder fünf Schnitzer. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hält die Türkei den Rohstoff im Land; geschnitzt wird seither vor allem in Eskişehir selbst.
Bruyère: Saint-Claude und die moderne Pfeife
Die Pfeife, wie man sie heute kennt, ist ein Kind des französischen Jura. Saint-Claude war seit dem Mittelalter ein Wallfahrtsort und eine Stadt der Drechsler: Für die Pilger, die zum Grab des heiligen Claudius kamen, fertigten sie Kleinwaren aus Holz, Knochen und Elfenbein. Als um 1850 die Wurzelknolle der Baumheide (Erica arborea) auftauchte, die im Mittelmeerraum in der Macchia wächst, hatten die Drechsler Werkzeug und Kundschaft. Das Holz war hart, hitzebeständig und geschmacksneutral, anders als Meerschaum nahezu unzerbrechlich, und es ließ sich auf der Drehbank in Serie fertigen. Saint-Claude wurde im 19. Jahrhundert zum Weltzentrum der Pfeifenindustrie; die Confrérie des Maîtres-Pipiers unterhält dort heute gemeinsam mit den Diamantschleifern der Region ein Museum mit den alten Werkzeugen und Maschinen.
Von Saint-Claude aus verbreitete sich die Bruyère über Europa. London wurde das zweite Zentrum: Alfred Dunhill eröffnete 1907 einen Tabakladen in der Duke Street, mischte Tabake nach Kundenwunsch und versah seine Pfeifen ab 1912 mit dem weißen Punkt auf dem Mundstück, einem der bekanntesten Markenzeichen der Pfeifenwelt. In Nürnberg entstand 1901 aus zwei Manufakturen der Jahre 1848 und 1866 die Vereinigte Pfeifenfabriken Nürnberg, heute Vauen, und von dort kam 1934 der 9-mm-Aktivkohlefilter, der den deutschsprachigen Markt bis heute von den angelsächsischen Ländern unterscheidet.
Die formale Revolution kam aus Kopenhagen. Sixten Ivarsson, der Mitte der 1930er-Jahre aus Schweden nach Kopenhagen gekommen war und kurz nach dem Krieg, als neue Pfeifen aus England und Frankreich nicht zu bekommen waren, in einer Werkstatt unzählige Pfeifen reparierte, begann Ende der 1950er-Jahre, jede Pfeife zuerst von Hand zu formen und erst zuletzt zu bohren – umgekehrt zur Fabrik, die bohrt und dann dreht. Aus dieser Freihand-Arbeit erwuchsen die fließenden, an Maserung und Wuchs des Holzes orientierten Formen des dänischen Designs; Ivarsson entwarf Modelle für Stanwell und bildete Schüler aus, darunter seinen Sohn Lars und Jess Chonowitsch.
Und die bescheidenste aller Pfeifen: 1869 begann in Washington im Bundesstaat Missouri der niederländische Einwanderer Henry Tibbe, Maiskolben auf der Drechselbank zu Pfeifenköpfen zu drehen; 1907 wurde aus dem Familienbetrieb die Missouri Meerschaum Company. General Douglas MacArthur machte den Maiskolben zum Teil seines Erscheinungsbildes und gilt neben Mark Twain als der wohl berühmteste Maiskolbenraucher der Geschichte.
| Epoche | Leitwerkstoff | Zentren | Was die Pfeife bedeutete |
|---|---|---|---|
| bis 1492 | Stein, Ton | Ohio-Tal (Hopewell), Minnesota (Pfeifenstein), ganz Amerika | Ritual, Diplomatie, Grabbeigabe |
| um 1580 bis 1800 | Pfeifenton | London, Gouda, Westerwald | Massenware für Wirtshaus, Schiff und Feldlager |
| 18. bis Mitte 19. Jahrhundert | Maserholz, Porzellan | Ulm, Süddeutschland, Österreich | Geschenk, Erinnerungsstück, Standeszeichen |
| 19. Jahrhundert | Meerschaum | Eskişehir, Wien, Budapest, Ruhla | Kunstobjekt und Luxus |
| ab etwa 1850 | Bruyère | Saint-Claude, London, Nürnberg, Kopenhagen | Alltagsgerät, später Designobjekt |
| ab 1869 | Maiskolben | Washington (Missouri) | Preiswerte Volkspfeife |
Clubs, Meisterschaften und die Kunst des Langsamrauchens
Mit der Zigarette verlor die Pfeife im 20. Jahrhundert den Massenmarkt – und gewann etwas, das sie vorher nie hatte: eine organisierte Gemeinde. Pfeifenclubs schlossen sich zu nationalen Verbänden und schließlich zum Comité International des Pipe Clubs zusammen, das in Saint-Claude gegründet wurde. Seine Ergebnislisten reichen bis zu einer Europameisterschaft 1969 im italienischen Arona zurück; die erste Weltmeisterschaft fand 1973 in Saint-Claude statt, spätere in Tokio, Rom, Kopenhagen, Venedig, Köln und zuletzt 2025 im niederländischen Oirschot. Der Verband Deutscher Pfeifenraucher, ein Zusammenschluss der deutschen Clubs seit den 1970er-Jahren, richtet die Deutsche Meisterschaft aus, 2026 zum 52. Mal.
Gemessen wird bei all dem nur eines: Zeit. Beim Langsamrauchen erhält jeder Teilnehmer dieselbe Einheitspfeife, drei Gramm desselben Tabaks, zwei Streichhölzer und einen Stopfer. Nach einer knappen Frist zum Stopfen und Anzünden zählt, wie lange die Glut lebt, ohne dass nachgezündet wird; erlischt die Pfeife, ist der Versuch beendet. Wer über zwei Stunden kommt, gehört zur Spitze; als Weltrekord führt das CIPC die 3 Stunden, 33 Minuten und 6 Sekunden, die der Italiener Gianfranco Ruscalla 2008 bei der Europameisterschaft in Würselen erreichte.
Praxistipp: Wer alte Pfeifen sammelt, lernt sie zu lesen. Bei Tonpfeifen verraten Kopfform und die Marke am Fersensporn Herkunft und ungefähres Alter; bei Bruyère die Stempel am Holm – Hersteller, Modellnummer, Herkunftsland, bei manchen englischen Häusern ein Datumscode; bei Meerschaum die gleichmäßige, tiefe Färbung, die nur echter Block in Jahrzehnten annimmt, während gepresste Massa kaum oder ungleichmäßig färbt.
Berühmte Pfeifenraucher: belegte Beispiele
Die Listen berühmter Pfeifenraucher sind lang und voller Zuschreibungen; hier stehen nur Beispiele, die sich belegen lassen. Albert Einstein wurde 1950 Mitglied auf Lebenszeit im Montreal Pipe Smokers Club und erklärte bei dieser Gelegenheit, das Pfeifenrauchen trage zu einem ruhigen und sachlichen Urteil in allen menschlichen Angelegenheiten bei; eine seiner Pfeifen, die er 1953 einer Freundin und Verehrerin schenkte, gelangte über sie 1996 in die Smithsonian Institution – mit einem Loch im Mundstück, das er in jahrelangem Gebrauch durchgewetzt hatte. Herbert Wehner, der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende, hatte bis 1985 über 150 Pfeifen gesammelt und war 1969 der erste „Pfeifenraucher des Jahres“ – ein Branchenpreis, der ausdrücklich der Werbung dient und seither unter anderem an Loriot (1970), Helmut Kohl (1975), Michael Ende (1986), Günter Grass (2000) und 2018 mit Sonja Kirchberger erstmals an eine Frau ging.
Der berühmteste Pfeifenraucher der Literatur hat nie gelebt. Arthur Conan Doyle lässt Sherlock Holmes Ton-, Kirschholz- und Bruyèrepfeifen rauchen, sein Illustrator Sidney Paget zeichnete ihn mit geraden Pfeifen. Die gebogene Pfeife brachte der Schauspieler William Gillette auf die Bühne, weil sie beim Sprechen den Mund frei ließ, und die ausladende Kalebasse, die heute jeder mit Holmes verbindet, wurde erst in den 1930er- und 1940er-Jahren zum Klischee. Gandalf und die Hobbits verdanken ihre Pfeifen dagegen dem Autor selbst: J. R. R. Tolkien rauchte Pfeife und schrieb seine Vorliebe in Mittelerde hinein. Vincent van Gogh malte sich 1889, kurz nach der Verletzung seines Ohrs, mit verbundenem Kopf und qualmender Pfeife; René Magritte schrieb 1929 unter das sorgfältig gemalte Bild einer Bruyère den Satz, dies sei keine Pfeife. Und Jacques Tatis Monsieur Hulot, zu dessen schlaksiger Silhouette die Pfeife untrennbar gehört, verlor sie 2009 auf den Plakaten einer Ausstellung der Cinémathèque française: Weil die Werbegesellschaft der Pariser Verkehrsbetriebe unter Berufung auf das französische Tabakwerbegesetz keine Pfeife dulden wollte, ersetzte man sie durch ein Windrädchen.
Pfeifenkultur heute
Die Pfeife ist heute eine Nische – und eine ungewöhnlich lebendige. Handwerkliche Pfeifenmacher in Dänemark, Deutschland, Italien, Japan und den USA fertigen Unikate, deren Formen auf Ivarssons Freihand-Schule zurückgehen. Gebrauchte Pfeifen, sogenannte Estates, werden gesammelt, aufgearbeitet und weitergegeben, und auf Pfeifenbörsen, in Foren und Videokanälen hat sich eine Gemeinde gebildet, die ihr Wissen über Werkstoffe, Mischungen und Werkstätten teilt. Seit 2008 begehen Pfeifenraucher in vielen Ländern am 20. Februar den Internationalen Tag des Pfeifenrauchens.
Zugleich ist die Pfeife museumsreif geworden, im besten Sinn des Wortes. Das Amsterdam Pipe Museum residiert in einem Grachtenhaus von 1670 und zeigt die Rauchkultur aller Kontinente; in Saint-Claude stehen die Maschinen der Bruyère-Fabriken, in Höhr-Grenzhausen erzählt das Keramikmuseum Westerwald vom Kannenbäckerland, und in Ruhla dokumentiert das Orts- und Tabakpfeifenmuseum die Pfeifenherstellung, die den Ort unter Pfeifenrauchern weltbekannt machte. Dass die Pfeife in Bremen einmal im Jahr bei der Schaffermahlzeit gleichsam amtlich geraucht wird, mit Ausnahmegenehmigung vom Nichtraucherschutz, sagt viel über ihren Rang zwischen Genuss und Ritual. Die Pfeife ist eine betont langsame Form des Rauchens geblieben, und genau das macht sie für viele attraktiv: Eine Füllung dauert eine halbe Stunde oder länger und belohnt Geduld mit Aroma. Was Pfeifentabak von anderen Tabakwaren unterscheidet, welche Sorten in die Dose kommen und wie man sie richtig lagert, steht auf den Bestandsseiten; die gesundheitliche Einordnung, die zu jedem Tabakgenuss gehört, findet sich unter Gesundheit. Wie die Zigarette der Pfeife den Massenmarkt abnahm, erzählt die Schwesterseite zigarette.com.
Quellen
- Die Pfeifenbäcker von Hilgert – regionalgeschichte.net (Institut für Geschichtliche Landeskunde Rheinland-Pfalz) – https://www.regionalgeschichte.net/westerwald/hilgert/einzelaspekte/die-pfeifenbaecker.html
- Amsterdam Pipe Museum: Ulmer Kloben, eine schwäbische Erfindung – https://pipemuseum.nl/en/article/ulmer-kloben-een-schwabische-vinding
- Amsterdam Pipe Museum: Fabeln und Fakten zur Meerschaumpfeife – https://pipemuseum.nl/en/article/fabels-en-feiten-over-de-meerschuim-pijp/geschiedenis
- Musée de la Pipe et du Diamant, Saint-Claude – https://www.musee-pipe-diamant.com/
- Comité International des Pipe Clubs (CIPC): Meisterschaften und Rekorde – https://cipc.pipeclubs.com/committee-international-of-pipe-clubs/cipc-rules/championships-results/
Häufige Fragen
- Seit wann wird Pfeife geraucht?
In Amerika seit Jahrtausenden: Der rote Pfeifenstein Minnesotas wird seit über dreitausend Jahren gebrochen, und die steinernen Tierpfeifen der Hopewell-Kultur sind rund zweitausend Jahre alt. In Europa beginnt die Geschichte im späten 16. Jahrhundert mit den ersten englischen Tonpfeifen, die sich über die Niederlande rasch auf dem Kontinent verbreiteten.
- Warum findet man so oft Bruchstücke alter Tonpfeifen?
Weil Tonpfeifen billig, zerbrechlich und im Wirtshaus fast Wegwerfware waren. Ihre Scherben gehören zu den häufigsten Funden in Stadtböden – und für Archäologen sind sie ein Glücksfall: Marken, Kopfform und der Durchmesser der Rohrbohrung, der über die Jahrhunderte immer enger wurde, erlauben eine Datierung auf wenige Jahrzehnte.
- Was ist eine Gesteckpfeife?
Eine mehrteilige, gesteckte Pfeife, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland und Österreich verbreitet war: ein Kopf aus Porzellan, Holz oder Meerschaum, darunter der Abguss, der Kondensat auffängt, ein langes Rohr aus Weichselholz und eine Hornspitze. Jedes Teil lässt sich austauschen; die bemalten Porzellanköpfe der Studenten- und Reservistenpfeifen sind heute gesuchte Sammlerstücke.
- Wie funktioniert ein Wettbewerb im Langsamrauchen?
Alle Teilnehmer erhalten dieselbe Einheitspfeife, drei Gramm desselben Tabaks, zwei Streichhölzer und einen Stopfer. Nach kurzer Zeit zum Stopfen und Anzünden zählt nur, wie lange die Glut ohne Nachzünden lebt. Gute Teilnehmer kommen über zwei Stunden; der vom internationalen Verband geführte Weltrekord liegt bei über dreieinhalb Stunden.
- Warum hat sich Bruyère gegen Ton, Porzellan und Meerschaum durchgesetzt?
Weil die Wurzelknolle der Baumheide hart, hitzebeständig, geschmacksneutral und nahezu unzerbrechlich ist und sich auf der Drehbank in Serie fertigen lässt. Seit die Drechsler von Saint-Claude sie um 1850 für sich entdeckten, ist Bruyère der Standard geblieben; Meerschaum, Ton und Maiskolben leben als Spezialitäten daneben fort.