Anbauregionen › Orienttabak: Türkei, Griechenland, Nordmazedonien

Orienttabak: Türkei, Griechenland, Nordmazedonien

Kaum größer als eine Hand, Stück für Stück von der Pflanze gebrochen, auf Schnüre gereiht und wochenlang in der Sonne getrocknet: So entsteht der Tabak, der Zigaretten- und Pfeifenmischungen ihren Duft gibt. Er wächst auf kargen Hängen zwischen Ägäis, Schwarzem Meer und den Bergen Makedoniens, und Namen wie Izmir, Samsun, Xanthi und Prilep stehen für Landschaften, Handelswege und viel Handarbeit. Diese Seite führt durch die Anbaugebiete, erklärt Ernte, Trocknung, Sorten und Aroma und folgt dem Blatt von den Lagerhäusern Kavalas bis in American Blend und Balkan-Mischung.

LageÄgäisches Hinterland um Izmir und Manisa, Schwarzmeerküste um Samsun und Bafra, Thrakien und Ostmakedonien um Xanthi, Drama und Kavala, Pieria um Katerini, Pelagonien um Prilep und der Südosten Nordmazedoniens
Boden und KlimaLeichte, durchlässige, oft kalkige Böden an sonnigen Hängen; trockene Sommer, wenig Dünger, kaum Bewässerung
TypenIzmir, Samsun-Bafra, Katerini (Samsun-Typ in Griechenland), Basma mit Xanthi, Makedonischem Basma und Zichna, Yaka, Prilep
Ernte und TrocknungBlatt für Blatt von unten nach oben gepflückt, auf Schnüre gefädelt, einige Tage im Schatten gewelkt, dann zwei bis drei Wochen in der Sonne
AromaprofilBlumig, würzig, harzig, mit natürlicher Süße; zuckerreich und eher nikotinarm
VerwendungWürzkomponente im American Blend (Faustformel rund ein Zehntel), Bestandteil englischer, Balkan- und Oriental-Pfeifenmischungen, Ausgangsblatt des Latakia
Meilensteine1884 Tabakmonopol der Régie, 1913 Camel als American Blend, 1923 Bevölkerungsaustausch, 1924 Versuchsstation Prilep, 2002 Ende der türkischen Stützkäufe, ab 2006 EU-Reform der Tabakbeihilfen

Kleine Blätter, großer Duft

Wer zum ersten Mal vor einem Orientfeld steht, erwartet wenig: Die Pflanzen tragen eine lange Leiter aus Blättern, von denen kaum eines größer ist als eine Hand. Verglichen mit den amerikanischen Typen bildet Orienttabak mehr, aber deutlich kleinere Blätter – was ihnen an Fläche fehlt, machen sie an Duft wett. Der Handel nennt diese Tabake Orient oder, nach dem Reich, das ihre Heimat über Jahrhunderte beherrschte, türkischen Tabak. Ihr klassisches Land ist der Bogen zwischen Ägäis und Schwarzem Meer, heute verteilt auf Griechenland, Bulgarien, Nordmazedonien und die Türkei. Typenkunde und Botanik bieten die Seiten Tabaksorten und Die Tabakpflanze; hier geht es um Landschaften, Namen und Menschen.

Die Anbaugebiete

Türkei: Ägäis und Schwarzmeerküste

Im Hinterland von Izmir, in den Provinzen Manisa, Aydın, Denizli und Muğla, wächst der Tabak, den der Handel nach seinem alten Ausfuhrhafen benennt: Izmir, in älteren Pfeifenrezepturen Smyrna. Die zweite große Landschaft liegt an der Schwarzmeerküste um Samsun. Zur Samsun-Gruppe rechnet die türkische Einteilung Herkünfte wie Canik, Maden, Bafra, Alaçam und Çarşamba; besonders gesucht waren stets die Blätter aus der Ebene des Kızılırmak bei Bafra.

Griechenland: Thrakien, Makedonien, Pieria

Wann der Tabak ins heutige Griechenland kam, wird unterschiedlich datiert: Manche Darstellungen nennen den Beginn des 17. Jahrhunderts, andere setzen die ersten Tabakfelder um Xanthi erst um 1700 an. Angebaut wurde er zuerst in dieser Gegend, später auch in Makedonien. Um 1715 waren Xanthi und das benachbarte Genisea, türkisch Yenice, für ihren Tabak bekannt. Das osmanische Jahrbuch der Provinz Edirne von 1892 nennt den Yenice-Tabak des Bezirks Xanthi „weltberühmt“ und verzeichnet knapp 6.000 auswärtige Arbeiter, die Tabak stapelten, zu Ballen packten und bündelten. Das Basma-Land reicht von Westthrakien über Chrysoupoli bei Kavala und Sidironero bei Drama bis in die Gegend von Serres, wo um Zichni der Zichna zu Hause ist, einst einer der teuersten griechischen Tabake. In Pieria um Katerini und in Thessalien steht ein anderer Typ auf den Feldern: der Katerini, den man in Griechenland auch Samsun-Typ nennt.

Nordmazedonien: Prilep und der Südosten

Das Herz des nordmazedonischen Tabakbaus ist das Prilepsko Pole, der nördliche Teil der Pelagonischen Ebene. Schon auf dem Jahrmarkt von Prilep, im 18. und 19. Jahrhundert einem der größten Rumeliens, wechselte Tabak den Besitzer; 2017 kamen aus diesem Becken knapp 9.900 Tonnen, 43 Prozent der Landesernte. Ein weiteres Anbaugebiet liegt im Südosten um Radoviš und Konče im Tal der Kriva Lakavica, wo vor allem der Typ Yaka wächst. Yaka, mazedonisch Jaka, ist also kein Ortsname, sondern ein Sortentyp.

Karge Hänge als Qualitätsfaktor

Orienttabak ist eine Pflanze des Mangels. Die Anbaulehren der Region verlangen leichte, durchlässige Böden, am liebsten über Kalkstein, der weniger durch sein Calcium wirkt als durch den günstigen Wasserhaushalt, den er dem Boden verleiht. Die klassischen Lagen sind sonnige Hänge und Hügelsäume. In Bulgarien heißen die Vorgebirgszonen der Rhodopen „Yaka“, und ihre Böden gelten dort als typische Tabakböden – der Sortenname dürfte auf dieses Wort zurückgehen, das im Türkischen „Kragen“ und übertragen „Rand“ bedeutet. Gedüngt wird sparsam, bewässert kaum; nach griechischer Erfahrung geben gerade die Tabake, die wenig Wasser bekommen, die beste Qualität. Erst um die Blüte braucht auch der genügsame Orient mehr Feuchtigkeit.

Ertrag und Güte ziehen hier in entgegengesetzte Richtungen: Mehr Wasser und Stickstoff bringen Blattmasse, aber keine Feinheit. Die Pflanzen stehen eng, werden in der Regel nicht geköpft und setzen viele kleine Blätter an. Ihre Oberfläche ist dicht mit Drüsenhaaren besetzt, deren klebriges Sekret bei der Ernte die Hände färbt – und in diesem Sekret stecken die Vorstufen des späteren Dufts.

Vom Saatbeet an die Schnur

Das Orientjahr ist Handarbeit von der Aussaat bis zum Ballen und folgt in allen drei Ländern im Kern demselben Ablauf:

  1. Anzucht: Im zeitigen Frühjahr wird der staubfeine Samen – rund zehntausend Körner wiegen ein Gramm – in geschützte Saatbeete gestreut. Einige Tage vor dem Auspflanzen setzt man das Gießen aus, damit die Setzlinge abhärten.
  2. Auspflanzen: Später im Frühjahr kommen die Setzlinge in engen Reihen aufs Feld; Wasser und Dünger bleiben knapp.
  3. Ernte: Sobald im Sommer die untersten Blätter reifen, beginnt das Pflücken, auf Türkisch tütün kırma, „Tabak brechen“. Man erntet in mehreren Durchgängen von unten nach oben, sodass sich die Ernte über Wochen hinzieht; die türkische Praxis unterscheidet fünf Blattzonen. Gepflückt wird im Morgengrauen, bevor die Sonne hoch steht.
  4. Auffädeln: Noch am selben Tag werden die Blätter mit einer langen Nadel am Stiel durchstochen und auf Schnüre gereiht – früher abends in Nachbarschaftshilfe und oft bis spät in die Nacht, heute vielerorts mit Fädelmaschinen.
  5. Welken: Einige Tage hängen die Schnüre im Schatten. Das Blatt vergilbt und verliert langsam Wasser, während sein Stoffwechsel noch arbeitet.
  6. Sonnentrocknung: Dann wandern die Schnüre auf Holzgestelle in die Sonne, in der Türkei sergen genannt; bei Regen und nachts wird abgedeckt. Zwei, drei Wochen später sind die Blätter durch und durch trocken, gelb bis rötlich gefärbt, und duften nach Heu und Kräutern.
  7. Bündeln und Sortieren: Die trockenen Schnüre hängen gebündelt unter dem Dach, bis man sie im Herbst öffnet, die Blätter nach Güte sortiert und für den Verkauf schichtet.
  8. Fermentation: In den Lagerhäusern der Käufer wird erneut sortiert und in Ballen gepresst. In den warmen Monaten fermentiert der Tabak in diesen Ballen; Aroma und Rauchverhalten verbessern sich, der Nikotingehalt sinkt.

Warum sonnengetrockneter Tabak anders schmeckt als luft- oder heißluftgetrockneter, erklärt die Seite Verarbeitung.

Sorten und Provenienzen

Im Orienthandel verschwimmen Ort, Saat und Qualität: Samsun ist eine Landschaft und zugleich eine Saatlinie, die auch in Griechenland wächst; Xanthi ist eine Stadt, ein Handelsname und die Wurzel mazedonischer Sorten.

ProvenienzWo sie wächstBlatt und HerkunftAromabild
Izmir (Smyrna)Ägäisches Hinterland: Manisa, Akhisar, Aydın, Denizlikleines Blatt, benannt nach dem Ausfuhrhafenmild und süßlich
Samsun, BafraSchwarzmeerküste, Kızılırmak-Ebene, Canik, Madenklein, rötlich, feinadrig, elastisch, sehr nikotinarmvoll, süß-aromatisch
KateriniPieria, ThessalienSamsun-Typ; die Samsun-Saat brachten 1923 Flüchtlinge aus dem Pontos mitGeschmackstabak: Fülle vor Duft
Basma XanthiWestthrakien um Xanthi und Geniseasehr kleines Blatt, getrocknet rotgelbblumig, mild-süßlich, sehr duftintensiv
Makedonischer Basma, ZichnaOstmakedonien um Drama und Serreskurzes, feinnerviges, elastisches Blattaromatisch, Zichna besonders intensiv
Yaka (Jaka)Südosten Nordmazedoniens um Radoviš und Končekleinblättrig, aus Xanthi- und Drama-Liniengilt als besonders angenehm im Aroma
PrilepPelagonien um Prilepseit 1930 in Prilep gezüchtet, heute vor allem die Sorte P-66-9/7aromatisch-würzig, im ätherischen Öl reich an Solanon

Manche Namen erzählen ihre Geschichte selbst. Basma heißt auf Türkisch „gepresst“ und wird gern darauf bezogen, dass diese kleinsten Blätter flach geschichtet und gepresst in den Handel kamen. Kaba Kulak, sinngemäß „grobes Ohr“, ist ein mittelblättriger Typ, benannt nach den breiten Flügeln am Blattgrund. Yaka geht auf Saatlinien aus Xanthi und Drama zurück, der Typ Prilep dagegen auf die Auslese in Prilep selbst. Die Saat ist über alle Grenzen gewandert, und mit ihr die Namen.

Blumig, würzig, harzig: das Aromabild

Kenner beschreiben den Orient mit drei Wörtern. Das Blumige erinnert an Wiesenheu, getrocknete Blüten und Kräuter; das Würzige reicht von einer kräftigen, fast stechenden Schärfe bis zu einer feinen Säure; das Harzige liegt als warmer, an Weihrauch erinnernder Grundton darunter. Welche Stimme vorn liegt, hängt von Provenienz, Blattetage und Jahrgang ab. Dazu kommt Süße: Weil die Sonne das Blatt zügig trocknet, bleibt viel von dem Zucker erhalten, den es beim Welken gebildet hat. Analysen von Basma-Tabaken aus Südwestbulgarien fanden 13 bis 21 Prozent reduzierende Zucker und, je nach Lage, 0,65 bis 1,83 Prozent Nikotin. Orient gilt entsprechend als zuckerreich und eher nikotinarm; über die gesundheitlichen Folgen des Rauchens sagt das nichts, diese ordnet die Seite Gesundheit ein.

Woher der Duft stammt, hat die Tabakchemie genau untersucht. Das Sekret der Drüsenhaare enthält unter anderem Zuckerester und harzige Terpenverbindungen, die beim Trocknen, Fermentieren und schließlich in der Glut zu kleineren, flüchtigen Molekülen zerfallen. Eine 2008 veröffentlichte Studie fand in Orient- und Burleyblättern mehr Isovaleriansäure und 3-Methylvaleriansäure als in Virginia, dem die zweite ganz fehlt. Nur beim Orient hing der Gehalt dieser Säuren eng mit der sensorischen Bewertung von Aroma und Annehmlichkeit des Rauchs zusammen. Pur riecht Isovaleriansäure streng nach reifem Käse – in Spuren gehört sie zu den Bausteinen des typischen Orientdufts.

Die griechische Tabakwirtschaft hat aus solchen Unterschieden eine eigene Ordnung gemacht. Sie unterscheidet aromatische Tabake wie Basma und Zichna, Geschmackstabake wie Katerini oder die Tsebelia aus Epirus und Ätolien-Akarnanien sowie neutrale Tabake wie den Başıbağlı, der ohne eigenes Aroma als ruhige Basis für Mischungen dient.

Handelsgeschichte: vom Sultan bis nach Dresden

Monopol und Schmuggel

Im Osmanischen Reich verbreitete sich das Rauchen im 17. Jahrhundert rasch; 1632 ließ Sultan Murad IV. es verbieten, auf Dauer ohne Erfolg. Als das hoch verschuldete Reich später Einnahmen an seine Gläubiger abtreten musste, entstand 1883 die „Société de la Régie co-intéressée des tabacs de l’Empire ottoman“, kurz Régie. Die von europäischen Banken getragene Gesellschaft erhielt 1884 das Tabakmonopol: Der Anbau war genehmigungspflichtig, und Tabak für den Inlandsverbrauch durfte nur die Régie aufkaufen und verarbeiten; für die Ausfuhr kauften weiterhin private Handelshäuser. Zigaretten stellte die Régie in eigenen Fabriken in Konstantinopel, Thessaloniki, Samsun und Izmir her. Gegen den Schmuggel hielt sie sich eine bewaffnete Truppe, die Kolcu; die blutigen Zusammenstöße leben in Volksliedern fort, etwa im „Çökertme“ aus der Gegend von Bodrum. In Kavala kaufte die Régie 1892 ein Lagerhaus, das die Einheimischen „Rezi“ nennen; 1896 streikten dort die Tabakarbeiter im „Streit um das Brot“. 1925 verstaatlichte die Türkische Republik die Régie, aus ihr ging das Monopol Tekel hervor.

Die Mode der Orientzigarette

Das Monopol trieb viele Tabakkaufleute, meist Griechen, nach Ägypten, das formal zum Osmanischen Reich gehörte, aber außerhalb des Monopols lag. Dort hatte Nestor Gianaclis schon 1871 in Kairo eine Zigarettenfabrik gegründet; er und andere Fabrikanten verarbeiteten importierten Orienttabak – Ägypten verbot den eigenen Anbau 1890 – zu „ägyptischen“ Zigaretten, die in Europa und Amerika Mode wurden. In Deutschland wurde Dresden, wo seit 1862 Zigaretten industriell gefertigt wurden, zur Stadt der Orientzigarette: 1868 kam der in Konstantinopel geborene Georg Anton Jasmatzi an die Elbe, und 1909 bezog die „Orientalische Tabak- und Cigarettenfabrik Yenidze“ von Hugo Zietz ihren Neubau, den der Volksmund „Tabakmoschee“ nennt. 1931 verarbeitete die Stadt 12.000 Tonnen Orienttabak. Der Firmenname verweist auf Genisea bei Xanthi; weil auch Giannitsa in Makedonien türkisch Yenice hieß und Tabak ausführte, ist der Handelsname Yenidje nicht immer eindeutig. Den größeren Rahmen zeigt die Seite Geschichte.

Tabakstädte und Umbrüche

Kavala war von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er-Jahre einer der großen Umschlagplätze des Orienttabaks. Schon im 18. Jahrhundert handelte hier der Vater Muhammad Alis, des späteren Herrschers von Ägypten, mit Tabak; später ließen sich europäische Handelshäuser und Konsulate nieder. In den Lagerhäusern sortierten Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter die Ernte von Hand; an sie erinnern ein Denkmal und die Skulptur „Die Hände“ auf dem Platz der Tabakarbeiter. In Thessaloniki wurde ein Streik der Tabakarbeiter im Mai 1936 blutig niedergeschlagen; die Toten inspirierten Jannis Ritsos zu seinem „Epitafios“, den Mikis Theodorakis später vertonte. Und der mazedonische Dichter Kočo Racin widmete den Tabakpflückern 1939 in seinem Band „Beli mugri“ ein Gedicht.

Nach dem Ersten Weltkrieg wandte sich der Geschmack vom reinen Orient ab. In den USA hatte Camel schon 1913 Orienttabak mit Virginia und Burley zur amerikanischen Mischung verbunden, Großbritannien bevorzugte nun die reine Virginia-Zigarette; in Deutschland dagegen hielt die Orientzigarette bis zum Zweiten Weltkrieg den größten Marktanteil. Reemtsma kaufte 1923 eine komplette Jahresernte Orienttabak – je nach Darstellung aus Bulgarien oder aus Makedonien um Saloniki – und machte sie im Jahr darauf zur Grundlage der Marke Ernte 23, die nach 1945 zur American-Blend-Zigarette wurde. 1923 trug zudem der griechisch-türkische Bevölkerungsaustausch Tabakwissen in beide Richtungen über die Grenze: Flüchtlinge aus dem Pontos brachten die Samsun-Saat nach Griechenland, und türkische Umsiedler aus Kavala, Drama und Thessaloniki, erfahrene Tabakbauern, fanden in den Dörfern am Kızılırmak bei Bafra eine neue Heimat.

Würze im Blend, Grundton der Balkan-Mischung

In der Zigarette ist Orient heute fast immer Gewürz. Als Faustformel für den American Blend gelten sechs Teile Virginia, drei Teile Burley und ein Teil Orient; die Rezepturen weichen davon ab. Der kleine Anteil hat Gewicht: Er bringt Duft und Rundung, und weil der Anbau viel Handarbeit verlangt, gilt Orient als eine der teureren Komponenten einer Mischung. Reine Orientzigaretten sind fast verschwunden; die Nil, seit 1901 als Orientzigarette hergestellt, verlor ihre filterlose Fassung aus reinem Orienttabak zum Jahreswechsel 2003/2004, als in Europa neue Höchstwerte für Teer und Nikotin galten. Der Geschichte der Zigarette widmet sich die Schwesterseite zigarette.com.

Größer ist seine Rolle in der Pfeife. In der englischen Mischung würzt er die Virginia-Basis unter dem Rauch des Latakia, in der Balkan-Mischung steht er gleichrangig neben diesem, in Oriental-Mischungen führt er selbst. Auch der Latakia ist im Kern Orienttabak: Für den zyprischen trocknet man kleinblättrigen Orient in der Sonne – am häufigsten wird ein Smyrna-Typ genannt, sicher überliefert ist die Sorte nicht – und behandelt ihn danach im Rauch aromatischer Hölzer und Sträucher nach. Mehr dazu auf den Seiten Mischungsfamilien und Latakia und Perique.

Praxistipp: Herkunftsnamen auf Dosen – Smyrna, Samsun, Yenidje, Drama, Xanthi, Katerini – bezeichnen oft eher eine Saatlinie oder einen Handelstyp als ein bestimmtes Dorf. Um die Orientstimme einer Mischung kennenzulernen, reibt man vor dem Stopfen eine Prise zwischen den Fingern und riecht daran, raucht dann langsam in einer kleinen Pfeife und achtet auf Heu, Kräuter, Blüten und harzige Wärme. Hinweise zu Füllung und Anzünden gibt die Seite Pfeife stopfen und anzünden.

Bedeutung heute

In allen drei Ländern ist der Orientanbau kleiner geworden, verschwunden ist er nicht. In der Türkei beendete das Gesetz Nr. 4733 im Januar 2002 die staatlichen Stützkäufe und öffnete Handel und Import; die Zigaretten- und Tabaksparte des Monopols Tekel wurde 2008 verkauft. Mancherorts stehen heute Oliven, wo einst Tabak wuchs: Akhisar, bis in die 1980er-Jahre eine Tabakstadt, zählt inzwischen zu den größten Olivenregionen des Landes – um Samsun war umgekehrt im 19. Jahrhundert der Tabak zur beherrschenden Kultur aufgestiegen. An die große Zeit erinnern die in den 1880er-Jahren unter der Régie gegründete Cibali-Tabakfabrik am Goldenen Horn, heute Campus der Kadir-Has-Universität, und das 2018 eröffnete Tabakmuseum in Bafra, das Verarbeitungsmaschinen, Wachsfiguren und einen Tabakgarten zeigt.

In Griechenland schrumpfte der Tabakbau drastisch, nachdem die EU 2006 begonnen hatte, die Tabakbeihilfen von der Erzeugung zu entkoppeln; beim Orient blieben vor allem Basma in Ostmakedonien und Thrakien sowie Katerini in Pieria und Thessalien. Die Erinnerung pflegt das Tabakmuseum in Kavala, das neben Anbaugerät vor allem die Aufbereitung der Orienttabake in den Lagerhäusern des Handels dokumentiert.

In Nordmazedonien ist der Orient eine tragende Exportkultur geblieben, die fast vollständig ins Ausland geht; im Spätsommer hängen in den Dörfern um Prilep noch immer die Schnüre in langen Reihen in der Sonne. Das Tabakinstitut in Prilep, 1924 als Versuchsstation unter der Leitung von Rudolf Gornik gegründet, schuf ab 1930 die ersten Sorten des Typs Prilep; 1932 schrieb ein Gesetz im damaligen Jugoslawien vor, im Tabakbau nur noch Saat aus Prilep zu verwenden, und 1956 zählte das Institut zu den Gründern der internationalen Tabakforschungsorganisation CORESTA. Sein Museum bewahrt weit über tausend Stücke, von Pfeifen und Tschibuks bis zu Zigarettenetuis – Zeugnisse dafür, dass Tabak in dieser Landschaft immer mehr war als eine Feldfrucht.

Quellen

  1. Turkish tobacco – Wikipedia (englisch) – https://en.wikipedia.org/wiki/Turkish_tobacco
  2. Tabaklager – Visit Kavala, Tourismusportal der Gemeinde Kavala (deutsch) – https://www.visitkavala.gr/de/eksereunise/kapnapothikes/
  3. History – Scientific Tobacco Institute Prilep, Universität St. Kliment Ohridski Bitola (englisch) – https://nit.uklo.edu.mk/about-the-institute/history/?lang=en
  4. S. Dagnon, R. Tasheva, A. Stoilova, D. Christeva, A. Edreva: Evaluation of Aroma in Oriental Tobaccos as Based on Valeric Acid Gas Chromatography. Beiträge zur Tabakforschung International 23 (2008), S. 115–120 – https://reference-global.com/article/10.2478/cttr-2013-0854
  5. V. Nikolova, N. Nikolov, R. Bozhinova, V. Popova: Chemical composition of Oriental tobacco of Krumovgrad ecotype in relation to quality and combustibility. Bulgarian Journal of Agricultural Science 32 (2026), S. 344–355 – https://agriacad.eu/ojs/index.php/bjas/article/view/6797

Häufige Fragen

Was unterscheidet Orienttabak von Virginia und Burley?

Orienttabak wächst auf kargen, trockenen Standorten und bildet viele kleine, sehr aromatische Blätter. Man pflückt sie einzeln von unten nach oben, reiht sie auf Schnüre und trocknet sie in der Sonne, während Virginia mit Heißluft und Burley an der Luft in Scheunen trocknet. Im Rauch bringt Orient vor allem Duft und Würze, weshalb er meist in kleinen Anteilen eingesetzt wird.

Was bedeutet der Name Basma?

Basma ist das türkische Wort für „gepresst“. Der Name wird gern auf die alte Handelsform bezogen, bei der die kleinen Blätter flach geschichtet und gepresst wurden. Heute steht er für die kleinblättrigen, besonders aromatischen Orienttypen Thrakiens und Makedoniens, allen voran die Herkünfte um Xanthi und Drama.

Ist Yaka ein Anbaugebiet?

Nicht im engeren Sinn. Yaka, in Nordmazedonien Jaka geschrieben, ist ein kleinblättriger Sortentyp, der auf Saatlinien der Basma-Herkünfte Xanthi und Drama zurückgeht. Angebaut wird Yaka heute vor allem im Südosten Nordmazedoniens, etwa um Radoviš und Konče. Das Wort selbst bezeichnet in Bulgarien die Vorgebirgszonen der Rhodopen, deren Böden als typische Tabakböden gelten.

Warum heißt Orienttabak auch türkischer Tabak?

Die klassischen Anbaugebiete in Anatolien, Thrakien und Makedonien gehörten bis ins späte 19. und frühe 20. Jahrhundert zum Osmanischen Reich. Der Handel nannte ihre Tabake deshalb türkisch – auch jene, die heute in Griechenland, Bulgarien oder Nordmazedonien wachsen. Im Englischen hat sich die Bezeichnung „Turkish tobacco“ bis heute gehalten.

Wie viel Orienttabak steckt in einer American-Blend-Zigarette?

Als Faustformel gelten sechs Teile Virginia, drei Teile Burley und ein Teil Orient, also rund ein Zehntel. Die Rezepturen der Hersteller weichen davon je nach Marke und Markt ab. Trotz des kleinen Anteils prägt der Orient Duft und Rundung der Mischung merklich.