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Deutsche Anbaugebiete: Pfalz, Baden, Uckermark

Zwischen Bienwald und Rhein, in der badischen Rheinebene und an der unteren Oder wächst seit Jahrhunderten Tabak – eine Sonderkultur am Rand des Klimas, die ganze Dörfer geprägt hat, von den hölzernen Trockenschuppen bis zu den Festen im Spätsommer. Diese Seite erzählt die Geschichte vom Pfarrgarten in Hatzenbühl bis zur Virgin-Ernte für die Wasserpfeife, erklärt Sorten und Schuppenbau und zeigt, wo man Museen, Feste und Tabakwege findet.

RegionenSüdpfalz um Hatzenbühl, Herxheim, Kandel und Neupotz; badische Rheinebene von der Hardt über Bühl und Kehl bis ins Ried der Ortenau; Uckermark um Schwedt und Vierraden
Anfänge1573 Pfarrgarten in Hatzenbühl (Überlieferung); Feldanbau seit dem 17. Jahrhundert, getragen auch von Hugenotten in Baden und Brandenburg
Historische SortenGeudertheimer und Friedrichstaler (dunkel, luftgetrocknet), dazu Burley; das Sandblatt als begehrtes Zigarrenblatt
Anbau heuteRund 80 Betriebe auf etwa 1.300 Hektar, rund 3.500 Tonnen Ernte (2025, Verbandsangaben); überwiegend heißluftgetrockneter Virgin
AbsatzRund 90 Prozent für Wasserpfeifentabak, der Rest vor allem für Zigaretten
WahrzeichenHölzerne Trockenschuppen: pfälzisch „Duwakschopp“, badisch „Tabakschopf“, in der Uckermark „Tabakscheune“
Museen und FesteTabakmuseen in Mahlberg, Hockenheim und Vierraden, Tabakabteilung im Museum Herxheim; Tabak-Einlese-Wettbewerb in Hatzenbühl, Tabakblütenfest in Vierraden

Ein Tabakland am Rand des Möglichen

Tabak ist eine Pflanze warmer Breiten, und dass er nördlich der Alpen überhaupt reife Ernten bringt, verdankt er wenigen, klimatisch begünstigten Landstrichen. Drei davon wurden zu den bekanntesten Tabaklandschaften des Landes: die Südpfalz zwischen Bienwald und Rhein, die badische Rheinebene von der Hardt bei Karlsruhe über Bühl bis ins Hanauerland um Kehl und ins Ried der Ortenau, und die Uckermark am Rand des unteren Odertals. Gemeinsam ist ihnen, was die Pflanze verlangt: lange, warme Sommer, leichte Böden, die sich im Frühjahr rasch erwärmen, und genug Regen in der Wachstumszeit. Der Oberrheingraben zählt zu den wärmsten Gegenden des Landes; an der Oder gaben feuchte, fruchtbare Böden den Ausschlag.

Trotzdem blieb der Tabak hier stets eine Sonderkultur an der klimatischen Grenze – mühsam, wetterempfindlich, aber auf kleiner Fläche so einträglich, dass er Generationen von Bauernfamilien ernährte. Er hat Dorfbilder geformt, eigene Wörter hervorgebracht – in der Pfalz heißt er „Duwak“, im badischen Ried „Duwack“ – und eine Festkultur, die bis heute lebt. Botanik und Anbaujahr erklärt die Seite Die Tabakpflanze.

Hatzenbühl 1573: ein Pfarrgarten als Anfang

Jede Tabakregion hat ihre Gründungsgeschichte, und die deutsche spielt in einem Pfarrgarten. Der Überlieferung nach setzte Pfarrer Anselm Anselmann im südpfälzischen Hatzenbühl, das damals zum Hochstift Speyer gehörte, im Jahr 1573 die ersten Tabakpflanzen auf deutschem Boden. Das Saatgut soll aus Lothringen oder dem Elsass gekommen sein; ob er die Pflanze als Zierde oder als Heilkraut schätzte, ist nicht bekannt. Geistliche waren damals oft die Vermittler botanischer Neuheiten. Die Geschichte ist schön, ruht aber auf schmaler Quellenbasis, und eine ungebrochene Linie zum späteren Feldbau gibt es nicht: Im Dreißigjährigen Krieg brannte Hatzenbühl 1636 fast vollständig nieder und blieb danach rund drei Jahrzehnte unbewohnt.

Zur Marktfrucht wurde der Tabak erst, als sich das Rauchen verbreitete. Mit den Heeren des Dreißigjährigen Krieges zog die Pfeife durch die deutschen Länder, wie die Seite Geschichte des Tabaks erzählt. Schon 1598 hatte Kurfürst Friedrich IV. in der Kurpfalz Anbauversuche angeordnet, später brachten niederländische Siedler ihr Wissen in die Gegend um Mannheim. Entscheidend wurden Glaubensflüchtlinge aus Frankreich: Hugenotten, die im Hochstift Speyer, in der Markgrafschaft Baden-Durlach und in Brandenburg Aufnahme fanden, hatten Samen und Erfahrung im Gepäck. Wirtschaftlich bedeutend wurde der Tabak in der Pfalz im 18. Jahrhundert. Ende des 19. Jahrhunderts bauten im Deutschen Reich rund 200.000 Betriebe auf über 30.000 Hektar Tabak an; ein Hektar verlangte damals rund 4.000 Arbeitsstunden, brachte aber ein Vielfaches dessen ein, was Getreide abwarf.

Südpfalz: Schuppendörfer zwischen Bienwald und Rhein

Links des Rheins schlägt das Herz des Tabakbaus in den Dörfern zwischen Speyer und der französischen Grenze: Hatzenbühl, Herxheim mit Hayna, Herxheimweyher, Rülzheim, Rheinzabern, Erlenbach, Kandel und Neupotz. Die sandigen Böden am Rand des Bienwalds und der Rheinniederung lassen sich leicht bearbeiten und erwärmen sich früh. Herxheim galt lange als größte Tabakgemeinde Deutschlands; 1973, genau vierhundert Jahre nach dem Pfarrgarten, war Hatzenbühl mit 265 Hektar zugleich die älteste und die größte.

Angebaut wurde in kleinen Familienbetrieben, und jeder Hof hatte seinen eigenen Schuppen. Wie früh man dabei auf Qualität setzte, zeigt ein Bau in Harthausen bei Speyer: Dort entstand 1851 nach Plänen des Tabakbaufachmanns und späteren Hockenheimer Bürgermeisters Philipp David Schwab ein Musterschuppen nach elsässischem Vorbild, dessen verstellbare Lüftungsklappen die Trocknung je nach Wetter steuern ließen – für die damalige Pfalz ein großer Fortschritt. Heute dient er als Dorfgemeinschaftshaus. Die letzte Hochphase erlebte der Pfälzer „Duwak“ zwischen 1970 und 2009, als drei Sorten auf mehr als 1.200 Hektar standen. Seither ist die Zahl der Pflanzer stark geschrumpft; die verbliebenen Betriebe setzen fast ganz auf Virgin, der Schwerpunkt liegt um Neupotz und Kandel. Auf kleiner Fläche wächst weiter der dunkle Badische Geudertheimer, und mit der Pfalz-Zigarre und Pfälzer Zigarillos gibt es regionale Spezialitäten aus den heimischen Sorten.

Baden: von der Hardt bis ins Hanauerland

Rechts des Rheins lag über lange Zeit das größte deutsche Tabakgebiet: Ende des 19. Jahrhunderts entfiel rund ein Drittel der deutschen Tabakfläche auf Baden. 1699 gründeten Hugenotten mit Siedlern aus Belgien und der Schweiz auf gerodetem Hardtwald nördlich von Karlsruhe das Dorf Friedrichstal und machten den mitgebrachten Tabak bald zur wirtschaftlichen Basis ihres Dorfes und der umliegenden Hardtgemeinden. Ihre Sorte, der „Friedrichstaler“, ging vor allem in die Zigarrenfabrikation und wurde bis in die 1950er-Jahre gepflanzt. Im kurpfälzischen Norden folgte dem Anbau die Industrie: In Hockenheim entstand 1860 die erste Zigarrenfabrik, und in den Zwanzigerjahren arbeiteten dort weit über 2.000 Menschen in 28 Fabriken.

In Mittelbaden prägte der Tabak die Dörfer der Rheinebene zwischen Bühl und Kehl und weiter südlich das Ried der Ortenau. Im 19. Jahrhundert verdrängte er dort Hanf und Flachs; eine badische Landesbeschreibung aus der Zeit um 1820 rühmte den Tabak der Riedorte Dundenheim, Altenheim, Ichenheim und Meißenheim als den schönsten und am besten behandelten. Kleinere Bauern schlossen sich zu Tabakbauvereinen zusammen, die gemeinsame Schöpfe betrieben. Im Bühler Ortsteil Balzhofen hieß es um 1940, jeder Landwirt des Dorfes sei Tabakpflanzer – die Fläche durfte er nicht selbst wählen, sie wurde ihm als Kontingent zugeteilt. Der Verein löste sich 1991 auf, sein Schopf verschwand 2011.

Mit dem Anbau wuchs die Verarbeitung. 1774 entstand in Lahr die Schnupftabakfabrik von Carl Ludwig Lotzbeck, weitere Betriebe folgten unter anderem in Kehl und Gengenbach; um 1900 zählte man am Oberrhein über 300 Tabakfabriken, und in vielen Dörfern arbeiteten vor allem Frauen in Zigarrenfabriken oder in Heimarbeit. Die Badische Tabakmanufaktur, 1920 von Straßburg nach Lahr verlegt, war mit ihrer filterlosen Roth-Händle aus dunklem Tabak lange einer der wichtigsten Abnehmer südbadischer Blätter; das Lahrer Werk schloss 2007. Ein Schwerpunkt des heutigen Anbaus in Baden-Württemberg liegt im Ried der Ortenau; in Neuried-Altenheim haben Landes- und Bundesverband der Tabakpflanzer ihren Sitz.

Uckermark: Hugenottentabak an der unteren Oder

Der dritte große Tabakraum liegt weit im Nordosten. Kurfürstin Dorothea, die Schwedt 1670 erworben hatte, warb einen niederländischen Tabakfachmann an, der 1686 mit Hugenotten, die nach dem Edikt von Potsdam ins Land gekommen waren, den Anbau an der unteren Oder begründete. Bald wurde Uckermärker Tabak weit über die Region hinaus gehandelt, und Ende des 18. Jahrhunderts galt die Uckermark mit rund 4.400 Hektar als größtes zusammenhängendes Tabakgebiet Deutschlands. Man nannte den Tabak das „Gold der Uckermark“; in Schwedt war er mit mehreren Zigarrenmanufakturen lange der wichtigste Wirtschaftszweig, und der 1836 errichtete Ermelerspeicher, einst ein Tabaklager, beherbergt heute eine Bibliothek.

Sichtbarstes Zeugnis ist die ehemalige Rohtabakfabrik in Vierraden: In den 1870er-Jahren ließ der Tabakhändler August Lange einen fünfgeschossigen Speicher aus rotem Backstein in neugotischen Formen errichten, in dem die Ernte der Umgebung lagerte und fermentierte, dazu eine Fabrikantenvilla und ein Arbeiterwohnhaus. Nach Jahrzehnten als Getreidelager rettete ein Kunstverein das Ensemble ab 1999; heute finden dort deutsch-polnische Symposien und Begegnungen statt. Auch in der DDR blieb der Tabak ein Standbein: Bis zum Ende der DDR bauten in Vierraden zahlreiche Familien Tabak auf kleinen Parzellen an, daneben die Genossenschaften; verarbeitet wurde im 1953 gegründeten VEB Rohtabak Schwedt. Der Betrieb schloss kurz nach der Wende, und die meisten Pflanzer gaben auf, spätestens mit dem Ende der EU-Prämie. In den 2010er-Jahren baute bei Vierraden nur noch ein größerer Betrieb Virginia an, auf einigen Dutzend Hektar.

Schopp, Schopf und Scheune: Baukunst für den Luftzug

Was die Tabakdörfer bis heute unverwechselbar macht, sind ihre Trockenbauten – in der Pfalz „Duwakschopp“ oder kurz „Schopp“, in Baden „Tabakschopf“, in der Uckermark „Tabakscheune“. Sie entstanden, weil die dunklen Sorten und der Burley an der Luft trocknen: Frisch geerntet bestehen die Blätter zu rund 90 Prozent aus Wasser, nach einigen Wochen im Durchzug sind es noch etwa 15 Prozent, und das Grün ist einem warmen Braun gewichen. Was dabei im Blatt geschieht, erklärt die Seite Verarbeitung.

Innen folgen fast alle Schuppen demselben Raster. Das Erdgeschoss bleibt frei für Wagen und Luft; darüber liegen in Abständen von rund einem Meter lange Holzstangen, die „Rahmschenkel“. An ihnen hängen die Bandeliere, Schnüre, auf die man die Blätter mit einer langen Nadel oder einer Einfädelmaschine gereiht hat – quer zum First, damit der Wind von einer Traufseite zur anderen durch die Blattreihen streicht. Außen unterscheiden sich die Regionen. Der klassische Pfälzer Schuppen hat Wände aus Brettern, die „auf Lücke“ genagelt sind; Nebel ist in der Südpfalz seltener als im Elsass oder in den Niederlanden, wo man verschließbare Klappen brauchte. Manche badische Schöpfe, etwa der in Balzhofen, besaßen waagrechte Jalousien, die man bei Nebel, Nässe oder praller Sonne schloss und die selbst bei Windstille für Zug sorgten. In den 1970er-Jahren kam in der Pfalz der flache „Rülzheimer Schopp“ hinzu, ein niedriger Feldschuppen; die größten sind rund siebzig Meter lang.

Mit der Heißlufttrocknung haben die meisten Schuppen ihre Aufgabe verloren; manche wurden abgerissen, andere stehen leer, einige sind Denkmäler geworden. Hayna bei Herxheim ist als Denkmalzone geschützt: Entlang der Dorfstraße reiht sich ein Schuppen an den nächsten, weit über hundert Holzbauten prägen die Silhouette. In Herxheim säumen alte Schuppen den Bruchweg zu beiden Seiten, in Hatzenbühl bilden sie am nördlichen Ortsrand eine lange Reihe zum Feld hin.

Geudertheimer, Burley, Virgin: was auf deutschen Feldern wuchs

Über Jahrhunderte war deutscher Tabak dunkler Tabak. Leitsorte am Oberrhein wurde der Geudertheimer, benannt nach einem Dorf nördlich von Straßburg: ein großblättriger, an der Luft getrockneter Tabak, der Einlage und Umblatt für Zigarren und Stumpen lieferte und dunklen Zigaretten und Feinschnitten ihre Würze gab. Geerntet wurde nach Blattstufen, von unten nach oben – zuerst die „Grumpen“, dann das begehrte Sandblatt, das feine Um- und Deckblätter ergab, zuletzt Hauptgut und Obergut mit mehr Kraft und Aroma. Mit dem Siegeszug der hellen Zigarette verlor der dunkle Tabak seine Kundschaft. Die helle Seite vertraten in Deutschland der luftgetrocknete Burley und der Virgin, wie die Pflanzer den mit Heißluft getrockneten Virginia nennen. Die großen Welttypen im Vergleich zeigt die Seite Tabaksorten, Fachbegriffe erklärt das Glossar.

SorteTrocknungCharakterVerwendungHeute
GeudertheimerLuft, im Schuppendunkel, großblättrig, kräftig-würzigZigarreneinlage und Umblatt, dunkle Zigaretten und Feinschnittenur noch kleine Restflächen
FriedrichstalerLuft, im Schuppendunkle Landsorte der HugenottenZigarrenseit den 1950er-Jahren verschwunden
BurleyLuft, im Schuppenhellbraun, zuckerarmZigaretten und Pfeifentabakkaum noch angebaut
Virgin (Virginia)Heißluft in Trockenkammerngoldgelb bis zitronengelb, zuckerreichZigaretten, Pfeifentabak, heute vor allem WasserpfeifentabakHauptsorte des deutschen Anbaus

Der Virgin wird stufenweise gebrochen, die reifen unteren Blätter zuerst, in vier bis fünf Durchgängen bis Ende September, und in Trockenkammern bei langsam steigender Temperatur – von gut 30 bis knapp 70 Grad – auf rund 15 Prozent Restfeuchte gebracht. Der Bundesverband der Pflanzer hebt am heimischen Virgin wenig Nikotin und viel Zucker hervor, dazu die zitronengelbe Blattfarbe („Lemon“), die bei der Weiterverarbeitung erhalten bleibt, und die gute Aufnahme von Melasse.

Blauschimmel, Strukturwandel, Prämienende

Der Rückgang begann lange vor Brüssel. 1960 zog der Blauschimmel, ein Falscher Mehltau, durch Europas Tabakfelder und vernichtete vielerorts einen Großteil der Ernte. Zugleich fanden viele Bauernkinder in Industrie und Gewerbe Arbeit, die weniger mühsam war und verlässlich entlohnt wurde. Was blieb, stützte die Europäische Gemeinschaft mit Prämien, die seit 1993 an feste Produktionsquoten gebunden waren. Zuletzt machte die Prämie mehr als die Hälfte dessen aus, was ein Kilogramm Tabak dem Pflanzer einbrachte.

Die Reform von 2004 löste die Förderung ab 2006 Schritt für Schritt von der Erzeugung; seit dem 1. Januar 2010 gewährt die EU keine eigene Unterstützung für die Rohtabakerzeugung mehr. Für die arbeitsintensiven Lufttabake war das das Ende: In der Ortenau liefen die Abnahmeverträge für Geudertheimer aus, der Burley verschwand fast ganz. Die deutsche Anbaufläche, 2009 noch rund 4.600 Hektar, schrumpfte binnen eines Jahrzehnts auf weniger als die Hälfte. Von vielen Tabakbauvereinen blieben nur die Schuppen – und oft nicht einmal die.

Heute: Virgin für die Wasserpfeife

Geblieben ist ein harter Kern. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Tabakpflanzer bauten 2025 rund 80 Betriebe auf etwa 1.300 Hektar Tabak an und ernteten rund 3.500 Tonnen. Die Schwerpunkte liegen in der Südpfalz und in Baden, kleinere Flächen verteilen sich auf andere Regionen. Die Höfe sind größer geworden – manche bewirtschaften Dutzende Hektar –, die Jungpflanzen wachsen in Folientunneln heran, geerntet wird mit Saisonkräften. Rund 400 Arbeitsstunden braucht ein Hektar noch immer; Getreide kommt mit einem Bruchteil aus.

Gewandelt hat sich vor allem der Absatz: Nach Verbandsangaben gehen heute rund 90 Prozent in die Herstellung von Wasserpfeifentabak, nur etwa ein Zehntel in Zigaretten. Der helle, zuckerreiche Virgin nimmt die Melasse der Shisha-Mischungen gut auf, und so finden Pfälzer und badische Blätter Käufer bis in den arabischen Raum. Einige Betriebe haben zudem Nischen erschlossen, etwa Tabak aus Anbau ohne Spritzmittel, der in den USA gefragt ist. Wie Wasserpfeifentabak zusammengesetzt ist, beschreibt die Seite Tabakprodukte.

Auch das Fachwissen hat überdauert. In Rheinstetten-Forchheim bei Karlsruhe wurde 1927 ein Tabakforschungsinstitut gegründet; aus ihm ging eine Gesellschaft hervor, die bis heute Sorten für den deutschen Anbau züchtet – derzeit vor allem Virgin, der mit dem Klimawandel zurechtkommen soll – und im Auftrag des Landes Baden-Württemberg eine Genbank mit über 800 Tabakherkünften aus aller Welt pflegt, von alten Landsorten bis zu Wildformen.

Museen, Feste und Tabakwege

Tabakmuseen

In allen drei Regionen erzählen Museen vom Tabak; in Mahlberg und Vierraden stehen die Sammlungen in Bauten, die einst selbst dem Tabak dienten.

MuseumRegionWas man sieht
Oberrheinisches Tabakmuseum, MahlbergOrtenauSeit 1992 in einer ehemaligen Zigarrenfabrik: vier Etagen und ein Tabakschopf, über 1.500 m² und mehr als 5.000 Objekte vom Saatkorn bis zur Zigarrenheimarbeit; im Garten wachsen die drei in Mittelbaden üblichen Sorten
Tabak-Museum, HockenheimKurpfalzSeit 1984, heute in der Zehntscheune: Werktische, Zigarrenformen, Pressen und Waagen einer alten Zigarrenfabrik, dazu Pfeifen und Raucherzubehör; Besuch nach Terminabsprache
Museum HerxheimSüdpfalzOrtsgeschichte mit Tabakabteilung: Tabakpressen, Zigarrenformen und Medienstationen zur Zigarrenherstellung
Tabakmuseum Vierraden, Schwedt/OderUckermarkIn einer denkmalgeschützten Tabakscheune zeigt es, wie an Oder und Randow Tabak angebaut, gehandelt und verarbeitet wurde; dazu Schaubeete und Sonderausstellungen, etwa zum hugenottischen Erbe

Jenseits der Landesgrenze ergänzt das Tabakmuseum im hessischen Lorsch das Bild.

Feste

Lebendig wird die Tradition auf den Festen. In Hatzenbühl lädt der Musikverein jedes Jahr am letzten Augustwochenende zu einem dreitägigen Sommernachtsfest, dessen Höhepunkt der Tabak-Einlese-Wettbewerb ist: Prominente Gäste fädeln um die Wette frische Blätter auf die rund 30 Zentimeter lange Einlesenadel; überregional bekannt ist der Wettbewerb seit 1989. Seit 2004 krönt das Dorf zudem jeweils für drei Jahre eine Tabakkönigin. In Vierraden lädt das Tabakmuseum gemeinsam mit örtlichen Vereinen im August zum Tabakblütenfest, das an die „Tabakköst“ anknüpft, das Erntefest der Pflanzer: mit Erntekrone, Tabakkönigin, Vorführungen im Tabakfädeln und Streuselkuchen im Schaugarten des Museums.

Tabakwege

Der Tabakrundweg in Hatzenbühl führt an der Schuppen-Silhouette des Dorfes entlang; vier Tafeln erklären das Tabakjahr von der Anzucht der Setzlinge bis zum Einwiegen und Verkaufen, weitere hängen an den Schuppen selbst. Per Rad verbindet die rund 40 Kilometer lange, ausgeschilderte Südpfälzer Tabaktour Landau-Mörlheim, Ottersheim, Bellheim, Rülzheim, Hatzenbühl und Herxheim mit Hayna. Am Vierradener Platz in Schwedt erinnert seit 2020 ein Bronzebrunnen von Jan Witte-Kropius an den Tabak: Ein Arbeiter hängt Blätter zum Trocknen auf, daneben schmollt, Pfeife rauchend, der Teufel, der in der Sage die Wette um das braune Kraut gegen den Bauern verlor. Sein Vorgänger, ein glasierter Keramikbrunnen von Jürgen von Woyski, ging durch Vandalismus verloren; ein Rest steht heute im Außengelände des Tabakmuseums Vierraden.

Praxistipp: Die beste Zeit für einen Besuch liegt zwischen Mitte Juli und Ende August. Dann stehen die Pflanzen gut mannshoch, manche Felder zeigen für kurze Zeit ihre rosa Blüten, bevor die Blütenstände gekappt werden, und die Ernte beginnt. Die meisten Schuppen sind Privatbesitz; man betrachtet sie vom Weg aus und fragt, bevor man einen Hof betritt.

Quellen

  1. Tabakanbau in Deutschland – Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Tabakanbau_in_Deutschland
  2. Tabaktrockenschuppen – Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Tabaktrockenschuppen
  3. Tabak: Anbau in Deutschland auf harten Kern geschrumpft – IVA-Magazin (Industrieverband Agrar), März 2026 – https://www.iva.de/iva-magazin/schule-wissen/tabak-anbau-deutschland-auf-harten-kern-geschrumpft
  4. Oberrheinisches Tabakmuseum Mahlberg – http://www.tabakmuseum-mahlberg.de/
  5. Tabakmuseum Vierraden – Stadt Schwedt/Oder – https://www.schwedt.eu/de/32024

Häufige Fragen

Wo wurde in Deutschland zuerst Tabak angebaut?

Der Überlieferung nach im Pfarrgarten von Hatzenbühl in der Südpfalz, wo Pfarrer Anselm Anselmann 1573 Tabak gepflanzt haben soll. Die Quellenlage ist dünn, und einen durchgehenden Anbau seit dieser Zeit gibt es nicht; wirtschaftlich bedeutend wurde der Tabak in der Pfalz erst im 18. Jahrhundert. Hatzenbühl pflegt das Erbe mit einem Tabakrundweg und einem jährlichen Einlese-Wettbewerb.

Wird in Deutschland heute noch Tabak angebaut?

Ja, wenn auch in kleinem Umfang. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Tabakpflanzer bauten 2025 rund 80 Betriebe auf etwa 1.300 Hektar Tabak an, mit Schwerpunkten in der Südpfalz und in Baden. Fast überall wächst Virgin, der in Trockenkammern mit Heißluft getrocknet wird; dunkle Lufttabake wie der Geudertheimer sind bis auf Restflächen verschwunden.

Wofür wird deutscher Tabak heute verwendet?

Überwiegend für Wasserpfeifentabak: Nach Verbandsangaben gehen rund 90 Prozent der Ernte in die Shisha-Herstellung, der Rest vor allem in Zigaretten. Der helle, zuckerreiche Virgin nimmt die Melasse der Mischungen gut auf. Früher lieferten Pfalz und Baden dagegen vor allem dunklen Tabak für Zigarren, Stumpen und Feinschnitt.

Warum stehen in den Tabakdörfern so viele alte Holzschuppen?

Die dunklen Sorten und der Burley wurden über Jahrhunderte an der Luft getrocknet, und dafür brauchte jeder Hof einen gut belüfteten Schuppen. Seit fast nur noch Virgin in Trockenkammern getrocknet wird, stehen viele leer; einige, etwa in Hayna bei Herxheim, sind als Denkmal geschützt und prägen weiter das Ortsbild.

Wann lohnt sich ein Besuch in den Tabakregionen?

Zwischen Mitte Juli und Ende August: Dann stehen die Pflanzen hoch, die Ernte läuft, und die Feste finden statt – das Sommernachtsfest mit Tabak-Einlese-Wettbewerb in Hatzenbühl Ende August und das Tabakblütenfest in Vierraden im August. Die Museen haben teils saisonale Öffnungszeiten, die man vorab prüft.